Naturerlebniswelt Wurzeralm.
Naturerlebniswelt Wurzeralm. Foto: TVB Pyhrn-Priel/Erber.

Das Herz schlägt oben höher

Franz Maier erzählt von Hochmooren, mäandrierenden Flüssen und wildem Schnittlauch und warum naturbelassene Landschaften immer ein Gewinn sind – für einen selbst und für den Tourismus. Eine Entdeckungsreise durch das Bergparadies Warscheneck.

„Ich komme nach einem Tag in der Natur immer besser gestimmt und reicher zurück, als ich weggegangen bin.“ Franz Maier lebt seine Leidenschaft für die Natur auf vielfältige Art: als Biologie und Naturvermittler begleitet er Menschen in die Berge, als Bereichsleiter der Energie- und Umweltagentur Niederösterreich entwickelt er konkrete Schutzprojekte und als Präsident des Umweltdachverbandes stellt er Forderungen an die Politik. Ein Naturschützer auf allen Ebenen sozusagen. Nebenbei war er auch noch an der Gründung des Nationalparks Kalkalpen beteiligt.

Das Bergparadies Warscheneck ist Maier besonders ans Herz gewachsen: „Es ist eines der vielfältigsten und schönsten Naturgebiete der Alpen. Zwischen Wurzeralm, Roter Wand und Gleinkersee kann man noch urtümliche Natur erleben. Über weite Strecken gibt es am Warscheneck keine Bauwerke, keinen Verkehrslärm, keine menschlichen Eingriffe.“

Seine Begeisterung wirkt ansteckend. Bereits seit seiner Jugend ist der passionierte Naturschützer in den Bergen unterwegs, auf Schusters Rappen, Tourenschi oder mit dem Mountainbike. „In der Natur fühle ich mich frei, sie gibt mir Kraft. Die körperliche Anstrengung löst Prozesse aus, die bewirken, dass man sich einfach wohl fühlt und Abstand vom Alltag gewinnt. Aber am faszinierendsten ist für mich der Blick auf unerschlossene Landschaften - von einem Gipfel aus in die Weite zu sehen. Das ist eine absolute Idylle, eine Stille, die mir bewusst machen, wie wichtig es ist, diese Natur zu erhalten.“
 

Franz Maier, Präsident des Umweltdachverbandes, liegt das Bergparadies Warscheneck besonders am Herzen.
Franz Maier, Präsident des Umweltdachverbandes, liegt das Bergparadies Warscheneck besonders am Herzen. Foto: privat

Diese Schönheit kann man bei einer Wanderung mit dem Naturvermittler hautnah miterleben. „Der Weg über die Wurzeralm bietet einen wunderbaren Blick auf den Teichlboden, durch den die Teichl mäandriert, und zwei Hochmoore – sie zählen zu den bedeutendsten in den nördlichen Kalkalpen. Man sieht die Schichten des gebankten Dachsteinkalks, die von jenem tropischen Meer zeugen, das noch vor den Alpen da war. Es ist wie ein Fenster in eine andere Zeit.“ Die Hochmoore und die Teichl seien Überreste eines Gletschers, der in der letzten Eiszeit vor etwa 20.000 Jahren den Teichlboden bedeckte.

Die Vielfalt wahrnehmen

„Diese Vielfalt bildet einen starken Gegensatz zu den Einheitswiesen in den Ebenen. Hier wachsen zum Beispiel der Ennstaler Frauenmantel, die Rostblättrige Alpenrose und große Bestände des Alpenschnittlauchs. Ältere Menschen kommen heute noch mit Säcken auf die Wurzeralm, ernten den Schnittlauch und konservieren ihn für den Winter. Das ist in der Region seit jeher üblich und wir werden diesen Schnittlauch bei der Rast auf der Dümlerhütte auch in der Suppe serviert bekommen.“ Dieses Naturidyll können wir hier noch erleben, weil das Warscheneckgebiet unter Schutz steht.

Nach zwei Stunden Wanderung erreicht man die Rote Wand, von der aus man gut beobachten kann, was intensive touristische Nutzung für die Bergwelt bedeutet. „Man sieht den naturbelassenen Teichlboden und den Speicherteich des Schigebietes Wurzeralm. Die Wanderer sind immer völlig entsetzt darüber, wie groß dieser Teich ist. Auf engstem Raum treffen menschliche und touristische Nutzungsansprüche und Naturschutz aufeinander. Schigebiete greifen massiv und dauerhaft in die Natur ein. Der gesamte Wasserhaushalt verändert sich, die Vegetation verarmt.“

Die größte Bedrohung für das Naturjuwel Warschenegg scheint jedoch abgewendet. Eine Schischaukel, die die Schigebiete Wurzeralm und Höss in Hinterstoder verbinden sollte, wurde von der Oberösterreichischen Landesregierung abgelehnt. Maier: "Jetzt gilt es die Chancen als Natur- und Nationalparkregion zu nutzen. Der nächste Schritt sollte die Erweiterung des Nationalparks Kalkalpen um das Warscheneck sein."

Mäandrierende Teichl am Teichlboden
Mäandrierende Teichl am Teichlboden. Foto: Franz Maier

Das hätte laut Maier durchaus auch positive Auswirkungen für den Tourismus. „Gerade das Unerschlossene, Naturbelassene macht den besonderen Zauber dieses Gebietes aus. Für den sanften Tourismus wäre dies ein Juwel, das man ins touristische Marketing aufnehmen kann. Die Menschen suchen im Urlaub Ruhe, unverfälschte Orte, Rückzugsräume, im Sommer wie im Winter, wo man wie am Warscheneck wunderbar Touren gehen und Schneeschuhwandern kann.“

So schmecken die Berge

Nach so viel Naturerlebnis ist es Zeit für eine Pause – und um den Schnittlauch von der Wurzeralm zu verkosten. Die Dümlerhütte beteiligt sich an der Aktion „So schmecken die Berge“. Das bedeutet, es werden möglichst regionale Produkte der Saison von den Bauern im Tal angeboten. Exotisches kommt nicht auf den Tisch. Betreiber Wolfgang Peböck erzählt gerne, von welchen Bauern er das Fleisch bezieht, wo das Gemüse gewachsen ist und wer das Brot gebacken hat. Da schmeckt´s gleich nochmal so gut.

Später am Abend, nach dem Abstieg durch den urtümlichen Seegraben, kann man die erhitzten Füße im Gleinkersee kühlen, einem Badesee, der zugleich Naturschutzgebiet ist, und nach einer kurzen Rast im biozertifizierten Gasthaus Seebauer ein besonderes kulinarisches Highlight genießen: Spezialitäten von Gleinkersau und Seekuh aus der eigenen Landwirtschaft von Klaus und Gunda Dutzler. Alles, was bei den ambitionierten Wirtsleuten auf den Tisch kommt, ist frisch und selbst gemacht.

Was macht das Naturerleben so wertvoll?

Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu bewegen, voranzuschreiten, neue Gebiete zu entdecken. „Heute müssen wir nicht mehr vor wilden Tieren davon laufen, dafür laufen wir auf die Berge. Das klingt zwar nach Luxus, ist aber ein tief verwurzeltes Lebensprogramm, das Zufriedenheit mit sich bringt“, sagt Franz Maier. „In den Bergen sind alle Menschen gleich. Egal ob Generaldirektor oder Saisonarbeiter, unsere gesellschaftlichen Hierarchien spielen keine Rolle. Es sind einfach nur Menschen, die mit den gleichen Anforderungen konfrontiert sind, die mal schwitzen und an ihre Grenzen geraten. Die Wanderer öffnen sich, zeigen ihre Seele, weil die Natur in gewisser Wiese ein angstfreier, geschützter Raum ist, der fernab der üblichen gesellschaftlichen Normen diese Offenheit möglich macht. Deshalb ist das Bewegen in der Natur wie die Musik eine Sprache, die jeder versteht, über alle Kulturen hinweg.“

Autorin: ANNEMARIE HERZOG

zuletzt geändert am 03.04.2017

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