Strandkörbe am Ostseestrand in Binz auf Rügen.
Ostseestrand in Binz auf Rügen. Foto: Brandstätter

Inselrast - Naturvögel fliegen auf Rügen

„Sie können Ihren Strandkorb gleich hier im Hotel buchen. Wenn sie zum Strand gehen, wählen sie bitte Abgang 22. Ihr Schlüssel sperrt Korb Nummer 45, das ist in der zweiten Reihe rechts der dritte Korb.“ Nicht gerade der Urlaubstraum für Individualtouristen. Doch Rügens Naturschätze wollen entdeckt werden.

Als Ende des 19. Jahrhundert das Baden im Meer in Mode kam, wurde aus dem einstigen Fischer- und Bauerndorf Binz das bekannteste Ostseebad auf Rügen. Statt Hotelburgen errichtete man Logierhäuser im Villenstil, die nach der Wende 1989 liebevoll restauriert wurden. Strandpromenade, Seebrücke und das alte Kurhaus geben dem Ort ein besonderes, mondänes Flair.

Binz und die Ostseebäder Sellin und Baabe mit ihren kilometerlangen Sandstränden sind die Touristenmagneten der Insel. Wer es ruhiger haben möchte leiht sich ein Fahrrad und strampelt ins Hinterland. Dort, im Biosphärenreservat Südost-Rügen, finden sich mitten in der Natur kleine Orte wie Middelhagen, Seedorf, Alt-Reddevitz oder Thiessow. Umgeben von Salzgraswiesen und Boddenlandschaften erinnert die Landschaft an das Land der Hobbits aus dem Herrn der Ringe. Vielleicht hat sich J.R.R Tolkien ja auf Rügen inspirieren lassen, als er seine Fantasiewelt Mittelerde erfand.

Fischerboot mit Netzen am Strand
Bevor die Touristen am Vormittag ihre Strandkörbe beziehen, haben die Fischer ihre Netze längst wieder eingeholt. Foto: Brandstätter

Mit dem Fahrrad durch Mittelerde

Am Ortsrand von Baabe führt der Radweg an dem kleinen Fischrestaurant von Roberto Brand vorbei. Sein Arbeitstag beginnt schon lange bevor die ersten Radfahrer einkehren. Roberto fährt um vier Uhr mit seinem Boot raus auf die See, und kommt - je nach Jahreszeit - mit Hering, Steinbutt, Dorsch Hornfisch, Aal, Flunder oder Scholle zurück. Um 7.00 Uhr wird dann in Baabe frischer Fisch verkauft. Für Roberto hat sich in den letzten 20 Jahren vieles geändert. „Vor der Wende waren wir nur mit dem Fischfang beschäftigt, heute müssen wir uns auch um die Vermarktung kümmern.“ Neben seinem kleinen Restaurant betreibt er auch noch eine kleine Räucherei, vermietet Ferienwohnungen und Strandkörbe.

Weiter führt unsere Radtour nach Middelhagen. Auf der höchsten Erhebung der Landzunge thront der Biohof von Doris Teutenberg, die Hänge zum Meer hinunter sind mit alten Obstbäumen bewachsen. Alles mutet irgendwie verwunschen an. Mag sein, dass ja auch die Brüder Grimm schon mal da waren. Wir genießen Bio-Obstsäfte, einen Schluck Bio-Sanddornwein und vor allem die schöne Aussicht. Wer sich bei Roberto Brand noch nicht gestärkt hat, dem sei ein Abstecher zu „Kliesow’s Reuse“ in Alt Reddevitz empfohlen. Jörg Karle und Ute Struckmeyer kredenzen in einem 420 Jahre alten ehemaligen Bauernhof die köstlichsten Fischspezialitäten.

Zurück aus Middelhagen unterbricht ein schmaler Kanal den Radweg. Unermüdlich rudert der Fährmann die Pedalritter samt ihrer Räder mit seinem Boot von einem Ufer zum anderen. Weiter führt der Radweg durch kleine Siedlungen vorbei an reetgedeckten Häusern mit märchenhaften Gärten. In Putbus wartet der rasende Roland auf die müden Radler. Der Bummelzug mit seiner schnaubenden Dampflokomotive bringt die Pedalritter schnaubend und pfauchend zurück in ihre Quartiere in den Seebädern an der Küste.

Der Königsstuhl - ein mächtiger Kreidefelsen.
Der Königsstuhl - ein mächtiger Kreidefelsen. Foto: Brandstätter

Mit dem Bus zum Königstuhl

Der mächtige Kreidefelsen ist die Attraktion im Nationalpark Jasmund, rund 40 Kilometer nördlich von Binz. Da das Gebiet schon seit 80 Jahren unter Naturschutz steht, konnte sich die Natur hier ganz ungestört entwickeln. Daher ist schon der drei Kilometer lange Fußweg vom Parkplatz in Hagen zum Königstuhl ein Erlebnis. Er führt vorbei an kleinen Seen, verwunschenen Moortümpeln, bei denen man jederzeit das Gefühl hat, es könnte plötzlich ein Geist aus der dunkelgrünen Brühe auftauchen weiter über mittelalterlichen Wehranlagen, bis die Landschaft plötzlich über hundert Meter steil zum Meer abfällt. Den besten Blick auf den Königsstuhl hat man von der etwas südlicher gelegenen Victoria-Sicht. Von dort führt auch eine Holztreppe mit 460 Stufen hinunter zum Strand.

„Entdecken sie Rügen ohne Auto“ ist die gut gemeinte Botschaft der Rügener Verkehrsbetriebe. Sie bieten zahlreiche Touren zu allen Sehenswürdigkeiten der Insel. Das Radwegenetz ist gut ausgebaut und der RADzfatz sammelt müde Radfahrer wieder ein und bringt sie zurück in ihre Quartiere. Trotz allem hat man den Verkehr nicht wirklich im Griff. An regnerischen Tagen gleicht die Hauptstraße von den Ostseebädern quer durch die Insel bis zur Brücke zum Festland nach Stralsund einem nie enden wollenden Blechwurm. Wer es gerne autofrei haben möchte, dem sei ein Besuch der Insel Hiddeensee empfohlen, auf der nur Fahrräder und Pferdefuhrwerke unterwegs sind. Zur Anreise gibt es natürlich ein eigenes Package der Verkehrsbetriebe.

Der Zug der Kraniche

Kraniche machen Rast auf Rügen
Inselrast. 70.000 Kraniche bevölkern Mitte Oktober die Insel, bevor sie weiterin den Süden ziehen Foto: Rico Nestmann
Erst wenn die meisten Touristen die Insel bereits verlassen haben, erlebt Rügen ein Naturschauspiel der besonderen Art. Mitte Oktober machen tausende Kraniche auf Ihrer Reise in den Süden Rast auf der Ostseeinsel. „Rund 70.000 Kraniche bevölkern dann zur Spitzenzeit gleichzeitig die Insel. Je nach Nahrungsangebot bleiben sie zwei bis drei Wochen hier. Tagsüber schlagen Sie sich auf den Maisfeldern die Bäuche voll, nachts schlafen sie dicht gedrängt, stehend im Flachwasser der Bodden vor der Küste, bevor sie gestärkt nach Frankreich und Spanien weiterziehen“ weiß der Ornitologe und Schriftsteller Rico Nestmann zu berichten.“

Die Zahl der Kraniche nimmt von Jahr zu Jahr zu, weil sie Ruhe und ausreichend Nahrung finden. Mit den Menschen sind sie eine Zweckgemeinschaft eingegangen. Als Pflanzenfresser haben sie keine Konflikte mit den Fischern. Sie stehen eher auf Körndelfutter und sammeln alles auf, was beim Abernten der Maisfelder liegen bleibt. Aber das würde nicht reichen. Daher stellen einige Landwirte Flächen zur Verfügung und streuen alle zwei Tage neuen Mais aus. Diese „Ablenkfütterung“ bewirkt, dass die Kraniche nicht auf frische Saaten wie etwa den Winterweizen ausweichen.

Und weil sie genug Nahrung finden, bleiben sie auch länger. Das wiederum freut den Tourismus. „Viele Naturfreunde kommen heute nach Rügen, um dieses Schauspiel zu beobachten. Sie suchen das Besondere und das ist nun eben die Natur. Wir bieten für sie spezielle geführte Touren zur Beobachtung der Vögel an. Bisher war der Herbst hier tote Hose, jetzt können wir die Saison um mehrere Wochen verlängern“, freut sich Frank Meierewert, Tourismusmanager in Baabe darüber, dass Rügen den Spagat zwischen Tourismus und Naturschutz hier eindrucksvoll geschafft hat.

Anreise

Wien - Dresden (Nachtzug); Dresden - Berlin - Stralsund
Wien - Linz - Hamburg (Nachtzug); Hamburg - Stralsund
Salzburg/Innsbruck - München; City Night Line München - Hannover (Nachtzug); Hannover - Stralsund

zuletzt geändert am 01.10.2017

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