Speckjause in der Bio-Röhrmoosmühle
Speckjause in der Bio-Röhrmoosmühle Foto: Tourismusverband Seeham

Kühe, Heu & Bier

Jürgen Schmücking schwärmt aus und entdeckt die Flachgauer Bio-Dreifaltigkeit

Manchmal ist es echt erstaunlich, welche Juwelen es zu entdecken gibt, wenn man breite Wege und Straßen verlässt. Ich bin – aus beruflichen Gründen – immer wieder zwischen dem Westen des Landes und dem Osten unterwegs. In den meisten Fällen mit der Bahn. Hin und wieder mit dem Auto. Dann ist der Kofferraum entweder voll mit Ausrüstung, Wein, Fleisch oder Bildern, die ich für den kunstsammelnden Schwiegervater nach Wien bringe oder von dort hole. Oder ich muss an Orte, zu denen die Bahn noch keine Schienen gelegt hat. Jedenfalls bieten solche Fahrten Raum für Entdeckungen. Ich habe nichts gegen lange Autofahrten. Ich habe etwas gegen eintöniges Fahren auf der Autobahn.

Einer meiner liebsten Umwege ist der Abstecher ins Salzburger Seenland. Also zum Obertrumer See, Mattsee, Grabensee. Man fährt dafür kurz vor Salzburg von der Westautobahn ab und bewegt sich nach Norden. Dann einfach den Schildern folgen.

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Unweit des Südufers des Obertrumer Sees stehen die Hochlandrinder von Hugo Lucian. Foto: Schmücking

Das beste, das Sie je gegessen haben

Unweit des Südufers des Obertrumer Sees stehen die Hochlandrinder von Hugo Lucian. Auf seinem Hof, den er Ranch nennt, hält Nebenerwerbs-Landwirt Lucian 40 Highland Cattles in drei Generationen. Die Tiere bewegen sich frei auf einer Fläche, zu der auch ein Waldstück gehört. Sogar die Kälber bekommen sie selbständig. Der Tierarzt kommt nur zur Überprüfung der Schlachtkörper. Der Gastronom legt größten Wert auf Qualität beim Fleisch. Darum beschäftigt er in der Küche seines Restaurants (das Fleisch wird nicht an Endkunden verkauft, sondern im Stadtkrug in Salzburg verarbeitet) nur ausgebildete Fleischhauer. Sein Zugang zur Produktion von Bio-Fleisch in besonderer Qualität ist elitär: „Meine Gäste sollen sagen, sie haben noch nie so etwas Gutes gegessen. Das ist mein Begehr.“ Weil er sich nicht vorstellen kann, seine Rinder in industriellen Schlachthöfen schlachten zu lassen, hat er auf seinem Refugium ein eigenes, modernes Schlachthaus errichten lassen. Einmal im Monat ist Schlachttag. Was vom Fleisch nicht im Stadtkrug auf die Karte kommt, geht an den Arlberg. Dort betreibt Hugo Lucians Bruder das Burg Vital in Oberlech. Ein kulinarischer HotSpot, bei dem der großartige Thorsten Probost am Herd steht. Die Juhu Ranch zu besuchen ist immer ein Erlebnis. Auch an Tagen, an denen nicht geschlachtet wird. Bewirtet wird man – kurze Anmeldung vorausgesetzt – eigentlich immer.

Picknickkorb auf der Wiese mit Spezialitäten aus dem Bioladen Seeham.
Picknickkorb mit Spezialitäten aus dem Bioladen Seeham. Foto: Bioladen Seeham

Bio im Dorf Seeham

Weiter nach Seeham. Die Gemeinde vermarktet sich gern als Bio-Dorf und das völlig zu Recht. Der Bio-Anteil in der Salzburger Landwirtschaft ist ohnehin schon konkurrenzlos hoch, in Seeham erreicht er 80 Prozent. Waren es anfangs noch ausschließlich die Landwirte (und ein paar Verarbeiter), die für die Idee standen, betrifft der biologische Grundgedanke mittlerweile alle Lebensbereiche innerhalb der Gemeinde. Das Öko-Kulturprojekt Teufelsgraben mit Schaumühle, vielen Streicheltieren und der Möglichkeit einer biologisch-kulinarischen Einkehr in der Röhrmoosmühle, ist ein Erlebnis für die ganze Familie, es gibt einen gut sortierten Bioladen und mit der Käserei Wallner eine Bio-Käserei, die aus der Bio-Heumilch der Region sensationellen Emmentaler und Bergkäse zu käsen weiß. Ein Biomasseheizkraftwerk versorgt den gesamten Ort mit Energie, mehr als ein Drittel der Seehamer Vermieter bieten den Gästen Bio-Produkte an.

Sortenspiel und Zölibatsbier in Wildshut

2 Bierflaschen und 2 Weingläser
Bier-Sortenspiel am Stieglgut in Wildshut. Foto: Schmücking
Kurz zurück zu meinem Auslöser für die Fahrt. Im Moment hat der kleine Umweg noch einen weiteren Vorteil. Am Walserberg kommt es derzeit manchmal zu einem Stau, weil unsere Nachbarn wieder strengere Grenzkontrollen eingeführt haben. Genau genommen sind sie eigentlich gar nicht so streng, aber es wird auf eine Fahrbahn reduziert und die Fahrzeuge müssen im Schritttempo an den gelangweilten Polizisten vorbei. Das hält auf. Wenn man jetzt schon im Seenland unterwegs ist, könnte man dem Grenzübergang großräumig ausweichen und übers bayerische Hinterland fahren. Der Vorteil: man kommt – mit geringfügigem Umweg - am Stieglgut in Wildshut vorbei, wo die Salzburger Stieglbrauerei ein Bio-Refugium mit Brauerei, Brennerei, Landwirtschaft und Wirtshaus auf die Beine gestellt hat.

Auf dem Stiegl-Gut Wildshut wurde bereits in den vergangenen Monaten viel experimentiert, und viele Ideen wurden umgesetzt. Das Ergebnis ist ein wunderbarer und kraftvoller Ort, an dem Ruhe und Genuss an erster Stelle stehen. Kern des Guts ist natürlich die Brauerei. Und die dazugehörige Bio-Landwirtschaft, aus der die alten Getreidesorten kommen, die dann zu grandiosen Bieren, wie dem Wildshuter Sortenspiel, dem Zölibatsbier oder der Männerschokolade gebraut werden. Die Küchenlinie im Braugasthof ist bodenständig und eine Hommage an die regionale Bauernküche. Die Blunzen (die gebratene) ist eine Zierde ihrer Art, die Innviertler Brotsuppe so gut, dass es eigentlich bei der Suppe bleiben könnte. Was das Stieglgut als Ausflugsziel interessant macht: Wer möchte, der kann sogar mit der Lokalbahn anreisen. Die neu gestaltete Haltestelle mit dem Namen "Gut Wildshut" ist in unmittelbarer Nähe.

Egal, ob Ausflug oder Umweg. Der Weg in dieses oberösterreichisch-salzburgerisch-bayerische Dreiländereck zahlt sich in jedem Fall aus.

zuletzt geändert am 23.05.2017

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