Der Kampstausee in Ottenstein.
Der Kampstausee in Ottenstein. Foto: Waldviertel Tourismus / Robert Herbst

Den Geheimnissen des Waldviertels auf der Spur

Der Nachtwächter zu Weitra, Ernest Zederbauer, führt durch „sein“ Waldviertel. Ganz ohne Trubel und abseits des Massentourismus.

Wer mit Ernest „Zedi“ Zederbauer, dem Nachtwächter zu Weitra, nachmittags im Café Weingartner ebendort sitzt, der befindet sich quasi bereits am gesellschaftlichen Hot Spot des oberen Waldviertels. Alle paar Minuten wird gegrüßt und vorbeifahrenden Autofahrern gewunken, werden Hände geschüttelt und im Vorbeigehen schnell Termine ausgemacht.

Zederbauer, kurz „Zedi“, ist der Parade-Waldviertler hier oben in Weitra und Umgebung. Keinen Wanderweg, keine Kirche, keine G´schicht und keinen Einheimischen zwischen dem Yspertal und Hardegg, den er nicht kennt. Und die Leute kennen ihn. Weil er hier der Nachtwächter ist, Stadtführungen macht, Lesungen hält und fotografiert, weil er Waldviertel-Krimis erdenkt und sein Viertel einfach wie seine Westentasche kennt.

Frühling, Sommer, Herbst, Winter

Er war es, der in allen vier Jahreszeiten quer durch sein Waldviertel gewandert ist – dem Schnee, der Stille und der Wirtshauswüste, ungeheizten Privatzimmern, leeren Stammtischen und unwilligen Vermietern getrotzt hat – und darüber einen Bildband „Rundumadum – 850 km zu Fuß durch das Waldviertel“ publiziert hat. „Ich wollte einmal durch mein Waldviertel wandern – zu allen vier Jahreszeiten. Allein. Ja, sowas muss man allein machen. Ich will essen, wenn ich Hunger hab, und ned, wenn´s Zwölfe läutet. Ich fotografier´, wann ich will, und wenn es derselbe Baum zum zehnten Mal ist. Dabei muss man halt alleine sein.“

„Wo wir sind, ist oben.“

Das Waldviertel, das ist „ganz oben“ in Niederösterreich. Manchmal ist man so weit oben, dass es meist keinen Nahversorger, kein Wirtshaus und keine Bäckerei mehr gibt. Weder für einheimische Wanderer, noch für Ausflügler oder gar für Kurgäste und Urlauber. Allein sein beim Wandern, Reisen, beim Unterwegssein – das ist heutzutage fast Luxus. Ein Luxus, von dem es hier im Waldviertel allerdings fast überall reichlich gibt. Kein Trubel, keine Menschenmassen, fast nie. Fast nirgends. Overtourism? Nein, nicht hier im Waldviertel.

Mehrere Wackelsteine im Wald.
Ziemlich ganz oben - die Blockheide in Gmünd. Foto: Angelika Mandler-Saul

Im Waldviertel geht gelassener zu. Auch im Sommer. Wenn die Elektroboote am Ottensteiner Stausee sonntags mal ausgebucht sind, oder man beim Kulturfestival am Herrensee eine winzige Ehrenrunde zum Parkplatzsuchen fahren muss – dann ist das schon "High Life" im Waldviertel. Hier muss man keine Time-Slots buchen, keinen Parkplatz reservieren und darf länger als bis 17 Uhr in Litschau, Zwettl oder Weitra bleiben. Hier gibt es keine Städte, die aufgrund von Besuchermassen „ihre Seele verlieren“, wie man jenseits der Grenze in Cesky Krumlov sagt.

Natur in der Stille erleben

Ernest Zederbauer kann ein Lied davon singen, von der Stille und der Einsamkeit. Wenn er im Winter allein durch sein Waldviertel stapft, ist es so still, dass ihm jedes Geräusch von herabfallendem Schnee wie ein Pistolenschuss erscheint. „Bei 17 Grad Minus bin ich im Jänner gestartet, zu Fuß. Die meisten Dinge sieht man vom Auto aus nicht. Diese Erstarrtheit der Natur im Winter oder die tausenden Varianten des Grüns im Frühling, die Farben des Herbsts… einfach inspirierend, unsere Natur.“

Sind das die Erlebnisse, die unsereins heutzutage sucht? Natur pur in angenehmer Fahrentfernung zur Großstadt? Nimmt man dafür Einschränkungen in der touristischen Infrastruktur in Kauf? Denn eines ist klar: Das Wirtshaussterben, die Privatzimmer aus den 1970ern, die Pendler und untertags verwaisten Orte und das Waldsterben – all das klingt nicht nach einer verlockenden Urlaubsdestination.

Bach im Wald mit üppiger Vegetation am Ufer
Stille und Natur pur. Foto: Angelika Mandler-Saul

„Ich wollte untertags wandern und abends bei den Einheimischen am Wirtshaustisch sitzen und mir deren G´schichten anhören, aber meistens bin ich da alleine gehockt. Wenn überhaupt ein Gasthaus offen war. Und auch die Privatzimmervermieter haben mich lieber weitergeschickt, als extra für mich einzuheizen – für eine Nacht lohnt sich das halt nicht.“

Zederbauer hat trotzdem viele G´schichten in petto – von seiner Rundumadum-Wanderung. Manche sind zum Schmunzeln, sofern man kein Touristiker ist. „Mama, hauma a Zimma frei fia an Wanderer?“, ruft etwa der Gastwirt in die Küche. „Sog eahm ihn Preis, daun geht er glei weida!“, so die Antwort.

Die Busse sind nicht getaktet und machen Ausflüge per Öffis in die meisten Orte unmöglich. Aber wenn der Busfahrer auf die Tube drückt, dann klappt es manchmal doch mit dem Anschluss. Und wenn man sich den Schlüssel für eine Kirche beim Wirten holt, gebietet es das Waldviertler Selbstverständnis, dass man natürlich hier auch einkehrt. Wenn denn grad offen ist.

Was zieht Urlauber überhaupt hier herauf?

„Ja, im Sommer ist mehr los. Aber der Herbst ist überhaupt die schönste Jahreszeit zum Wandern bei uns. Wir haben hier die höchste Burgen- und Schlösserdichte – allein 300 im Waldviertel, das ist mehr als das Rheinland hat! Viele Besucher gehen den 2014 neu angelegten Lainsitzwanderweg – ein Weitwanderweg am Fluss entlang. In den Niederungen der Lainsitz übrigens haben wir sogar Wasserbüffel! Oder schaut´s einmal bei den Alpakas vom Sonnseitnhof vorbei. Dort liegen auch meine Waldviertel Bücher auf!“, so Zederbauer.

Wanderer mit Hund im Wald.
Wandern, wandern, wandern,... Foto: Angelika Mandler-Saul

Überhaupt das Wandern im Waldviertel. Ein Stichwort und Zederbauer sprudelt über vor Tipps und Ideen. „Mein Freund Dieter vom Bühnenwirtshaus Juster aus Gutenbrunn, der hat was Besonderes geschafft: Er hat 22 Gemeinden im Waldviertel an einen Tisch gebracht und sie haben gemeinsam den „Lebensweg“ aus der Taufe gehoben – ein ganz neuer Themenweg mit einem eigenen Buch dazu. Oder – kennst den Hundertwasserweg in Zwettl schon?“

Im Waldviertel sind es die kleinen und unspektakulären Naturerlebnisse, die Themenwege und unerwarteten Ausblicke, die eine Auszeit hier ausmachen.

Gesundheit für Körper und Geist

Über ein Viertel aller Gästenächtigungen macht der Gesundheitstourismus aus, in der „Xundheitswelt“ im Waldviertel rund um das Moorheilbad Harbach, Groß Gerungs und Ottenschlag, aber auch das Moorbad Groß Pertholz oder Bad Traunstein. Radwege, Wanderwege, Spazierwege, Gesundheits-Parcours, Walking- und Laufstrecken – mehr einsame Kilometer Natur, als man während eines Aufenthalts schaffen kann.

Das Waldviertel hat zu jeder Jahreszeit auch etwas Mystisches. Und soviel geheimnisvolle Orte! Zum Johannisberg wandern die Esoteriker gerne. Oder man stiefelt mit meinem Welser Nachtwächter-Freund Hubert Krexhammer durch die Natur: Der weiß alles über die Geheimnisse des Wassers und die Weisheit der Bäume – der ist Druide. Wenn der eine Führung macht, da rennen ihm die Leute nachher die Bude ein, weil sie noch soviel mehr wissen wollen über die Kraft des Waldes.“

In einen verkehrt herum aufgestellten Baumstamm geschnittenes Gesicht, die Wurzeln bilden die Haare.
Zauberwald in Grosspertholz. Foto: Angelika Mandler-Saul

Weil „Waldbaden“, das haben sie schon als Kinder gemacht, sagt er. Was heute die Waldpädagogen in Workshops vermitteln, das war damals gang und gäbe: Im Wald im Moos spielen, mit der Rinde basteln und Bäume umarmen. Und auf Wackelsteine in der Blockheide klettern.

Inspiration finden im Waldviertel

Vielleicht gerade deshalb eine so inspirierende Region für Künstler? Zederbauer hat hier schon die halbe Burgtheater-Schauspieler Riege von anno dazumals durch Weitra geführt: „Die Lotte Ledl war da, die Erika Pluhar und der Ernst Zuber, sogar die Lotte Tobisch und dem Wolfgang Hübsch hab ich Weitra gezeigt. Überhaupt wohnen hier viele Künstler, Schriftsteller und Schauspieler – über das ganze Waldviertel verteilt: von Robert Menasse über Erni Mangold, Niki Ofczarek, Michael Haneke bis zu den Stembergers in Litschau. Ja, der Hader sowieso.“

Rund um den Herrensee in Litschau („Das ist ein Teich, kein See!“) spielt sich kulturell einiges ab, ebenso in den Sommertheatern in Weitra und im Kamptal. Denn wenn in Wien oder im Weinviertel die Hitze nur so flirrt, ist das Waldviertel begehrt: Einige kühle Höhenmeter weiter oben gelegen, die Teiche zum Baden, die Ysperklamm, die Blockheide und die Wanderwege und Naturparke – überall ist es hier ein wenig frischer, kühler und angenehmer als unten an der Donau oder in den nahen Städten.

Dann bekommt auch der Begriff „Sommerfrische“ hier endlich wieder seine alte Bedeutung: Aus der heißen Stadt raus an den Kamp in die alten Flussbäder zum Pritscheln und ab in den Wald. Dazu Einkaufen direkt vom Bauern im Hofladen oder im Waldviertler Land-Laden in Weitra.

Autorin: Angelika Mandler-Saul

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zuletzt geändert am 10.03.2020

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