Lokal am Schlossberg in Graz.
Starcke-Haus am Schlossberg. Foto: Starcke / Novak

Graz ist anders

Hip, klein, fein und sympathisch: Jürgen Schmücking schwärmt von Kulinarik und Lebensgefühl der steirischen Hauptstadt.

Um die Headline, so wie ich sie mir gedacht habe, zu verstehen muss man zwei Dinge tun. Erstens muss sie auf eine bestimmte Art betont werden. Sie (die Betonung) muss auf „Graz“ liegen. Das gelingt, indem man das „a“ ein wenig länger ausspricht als notwendig. Und dann sollte man kurz an Wien denken. Kommt man nämlich nach Wien, wollen uns die Stadttouristiker weismachen, dass Wien anders ist, und nach ein, zwei Tagen in Wien denkst du dir, dass das eigentlich keine große Kunst ist bei der Größe. Aber Graz, Graz ist viel kleiner. Und auch anders. Aber eben anders anders. Nämlich wirklich anders.

Bauernmarkt in Graz.
Bauernmarkt am Lendplatz mit hohem Bio-Anteil beim Angebot. Foto: Graz Tourismus - Harry Schiffer

Graz ist hip, klein, fein, sympathisch. Die Sehenswürdigkeiten, die oft als Grund (oder Ausrede) herhalten müssen, um eine Stadt zu besuchen, sind in Graz schnell aufgezählt und abgearbeitet: Uhrturm, Kunsthaus, Murinsel. Eventuell noch die Doppelwendeltreppe. Das wär‘s im Großen und Ganzen. Die große Frage ist: Was macht man dazwischen? Und da kommen sie, die eigentlichen Gründe, derentwegen man tagelang durch die Stadt flanieren könnte. Beginnen wir im Lendviertel. Das ist jenes Grätzel, das sich westlich des Schlossbergs am Murufer befindet. Früher war das Viertel fest in proletarischer Hand. Aber das war einmal. Lendplatz und Josefigasse haben sich längst zu Epizentren urbaner Lässigkeit entwickelt. Am Lendplatz selbst ist zum Beispiel ein hochgradig sympathischer Bauernmarkt mit hohem Bio-Anteil und allem, was das grüne Herz begehrt. Äpfel, Gemüse, Kernöl, Käferbohnen. Und reichlich Stände mit gastronomischem Angebot. Also auch, um den ersten frühmorgendlichen Kaffee zu trinken.
 

Cafe Paul & Bohne in Graz.
Paul & Bohne: Kaffeevielfalt auf knapp 200 Quadratmetern. Foto: Marco Rossi

Apropos Kaffee. Da sollte man sich ein wenig Platz lassen. Denn wenn man vom Lendplatz die Mariahilferstraße entlang in Richtung Kunsthaus marschiert, kommt man irgendwann – etwa auf halber Höhe – bei Paul & Bohne vorbei. Wobei, genau das eben nicht. Man kommt NICHT daran vorbei. Jedenfalls sollte man nicht einfach daran vorbei. Ist man einmal drin, ist die Gefahr hoch, dass man nicht so schnell wieder rauskommt. Das ist nämlich so: Auf knapp 200 Quadratmetern wird hier der Kaffeebohne gehuldigt. Mit einer Vielfalt, die wirklich atemberaubend ist, und damit ist nicht nur das Kaffee-Angebot gemeint. Von Raritäten – Jamaica Blue Mountain, Kopi Luwak oder Panama Geisha – über Single-Origin-Kaffees hin zu smarten Blends, die Paul und sein Team selbst komponieren. Meine persönlichen Favoriten: der Bio-Röstosteron oder der – zwar immer noch, aber nicht ganz so kraftvolle – Lendblend. Auch Bio. Softies werden eher zum floralen und harmonischen Bio-Klimperkaffee greifen.

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Kathi und Lukas kredenzen im Mohrenwirt exzellente Wirtshausküche. Sie stehen auf Bio und für Nachhaltigkeit. Foto: Mohrenwirt

Hat man den Vormittag bei Paul verbracht kann man sich – zitternd und mit weit aufgerissenen Augen – wieder ins Geschehen werfen. Ein Besuch beim Mohrenwirt holt einen dann wieder runter auf normale Betriebstemperatur. Der Mohrenwirt – nur ein paar Schritte von Paul & Bohne entfernt – ist ein traditionelles Wirtshaus. In Wien würde man vielleicht Stadtbeisl dazu sagen. Jedenfalls hat der Mohrenwirt eine lange Geschichte und seit kurzem neue Pächter. Im Moment – und das noch hoffentlich sehr lange – wird dort exzellente Wirtshausküche angeboten. Bodenständig und der Region verpflichtet. Die Teller, die auf den Tisch kommen, zeigen auch deutlich, worauf es dem jungen Gastronomenpaar ankommt. Gleich auf der ersten Seite der Speisekarte haben sie aufgelistet, woher die Lebensmittel kommen. „Wir stehen auf Bio und für Nachhaltigkeit“, steht da als Überschrift. Dann erfährt man, dass das Biofleisch – Schwein, Lamm, Kalb und Rind – von der Fleischerei Feiertag in Weiz kommt, Huhn und Ei – klarerweise auch bio – von Lugitsch Ei und der Fisch – hauptsächlich Saiblinge – von der Fischerei Ausseerland im steirischen Salzkammergut. Zum Abschluss gibt es – wer hätte das gedacht – Kaffee vom Nachbarn.

Menschen sitzen beim Essen auf der Terrasse.
Der Luderbauer in Seiersberg, mit Blick auf die Weststeiermark, ist Slow-Food-geadelt. Tom Lamm | ikarus.cc

Mit Bio ist Graz ziemlich gut bestückt. Am Stadtrand von Graz, in Seiersberg, steht der Luderbauer. Ein Prachtstück von einem Wirtshaus mit Blick auf die Weststeiermark und voll im Grünen. Slow-Food-geadelt. Kein Wunder. Die Gerichte sind geradlinig und ehrlich, kein Schnickschnack, kein Chichi. Ein Backhendl ist ein Backhendl und wenn es ein steirisches Backhendl ist, sind die Erwartungen gleich noch einmal höher. Beim Luderbauer wird man ihnen gerecht. Und nicht nur beim steirischen Backhendl. Auch beim Klassiker, dem "Aufg'setzten Brathendl“ oder der Fischsuppe mit Bio-Karpfen (vom Gut Hornegg).

Graz ist schön. Egal, von welcher Perspektive es man betrachtet. Also auch von oben. Vor allem von oben. Hier daher noch ein paar Empfehlungen für Cafés oder Bistros mit entsprechender Weitsicht. Allen voran das Starcke-Haus am Schlossberg. Hier auf einem der Balkone mit ihren gläsernen Geländern zu sitzen, ist ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Das Essen übrigens auch nicht. Kulinarisch nicht ganz so aufregend, aussichtsmäßig aber auf Augenhöhe liegen noch: die Skybar (ebenfalls am Schlossberg) oder unten in der Stadt das Café Freiblick im Dach des Kaufhauses Kastner & Öhler.

Graz ist und bleibt einen Besuch wert. Am besten gleich ein paar Tage einplanen.

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zuletzt geändert am 17.03.2020

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