Am steinigen Ufer in einer Bucht parkt ein altes Feuerwehrauto, eine Frau im Overall bückt sich um Werkzeug aus einer Kiste. An der Ladewand des Fahrzeugs hängt eine bemalte, quadratische Leinwand.
"Es gibt jeden Tag viel zu organisieren und bedenken. Habe ich genug Wasser, wo verbringe ich die Nacht, darf ich hier stehen?" Foto: Lisa Marie Mayer

Durch Europa im rollenden Atelier

"Die Natur malt immer ein Stück weit mit", erzählt Lisa-Maria Mayer, die seit 4 Jahren in einem alten Feuerwehrauto wohnt, reist und arbeitet. Ihr rollendes Atelier hat sie bereits durch Deutschland, Italien, Kroatien und Griechenland gebracht. Wo sie Inspiration findet, stellt sie ihre Leinwand auf und es entstehen Werke, die geprägt sind von Wind, Wetter und dem Gefühl der Freiheit. Im Interview spricht sie über das Leben auf vier Rädern, Kunst im Zusammenspiel mit der Natur und den Mut, alles Bekannte hinter sich zu lassen.

LEBENSART: Frau Mayer, vor vier Jahren haben Sie einen radikalen Neuanfang gewagt. Sie sind in ein umgebautes Feuerwehrauto gezogen und mit Ihrem „rollenden Atelier“ ins Ungewisse aufgebrochen. Wie hat sich das angefühlt?

Lisa-Maria Mayer: Ich spürte eine Mischung aus Nervosität, Hoffnung und dieses leise Kribbeln von: Ich mache das jetzt wirklich. Es gab jetzt keinen Plan B mehr. Als ich dann auf der Straße Richtung Norddeutschland unterwegs war, zog plötzlich ein Freiheitsgefühl auf. Es gab keine Verpflichtungen mehr, keinen Ort, an dem ich sein „muss“. In meinem Kopf lief immer derselbe Satz: Wenn nicht jetzt, wann dann. Und wenn es schiefgeht, gibt es immer einen Weg zurück.

Wieso haben Sie sich zu diesem Schritt entschieden?

Ich lebte mit meinem damaligen Freund in einer Wohnung mit circa 60 Quadratmetern. Wir merkten mit der Zeit, dass wir den Platz gar nicht brauchen. Gleichzeitig waren wir während der Semesterferien jeweils für zwei Monate mit dem Wohnmobil unterwegs. Nach zwölf Jahren in derselben Stadt wurde es auch Zeit, über den Tellerrand zu schauen. So reifte der Gedanke, dass wir uns die Miete sparen und freier leben könnten. Und mein größter Traum war es ohnehin schon immer, zu reisen und währenddessen arbeiten zu können. Also kauften wir uns beide jeweils ein Auto und fuhren los. Mittlerweile haben sich unsere Wege aber getrennt. 

Sie üben allerdings keinen Job am Laptop aus, sondern malen auf großen Leinwänden. Wie passt das mit dem Vanlife zusammen?

Diese Frage hatte ich mir zu Beginn auch gestellt – es ist aber die perfekte Kombination. Ich habe mir extra ein großes Auto gesucht, in meiner Feuerwehr ist genug Platz für Leinwände und Farben. Die Bilder trocknen vorne in der Fahrerkabine, ich schlafe hinten. Dort ist Platz für mein Bett, eine kleine Standheizung, eine Toilette und eine kleine Küche mit Gasherd.
 

Zwischen grün-gelben Rapsfeldern und knallblauem Himmel parkt ein rotes Feuerwehrauto. Am Ladekontainer hängt eine Leinwand, auf der eine Frau gerade ein Bild der Landschaft malt.
"Die wechselnden Landschaften, das Licht und die verschiedenen Stimmungen sind meine Quelle der Inspiration", so die Künstlerin. Foto: Lisa Marie Mayer

Wie würden Sie Ihre Kunst beschreiben?

Meine Malerei ist reduziert, emotional und sehr farbintensiv. Ich arbeite abstrakt, das heißt es geht mir nicht um konkrete Motive, sondern um das Zusammenspiel der Farben. Beim Malen lasse ich mich von meinen Gefühlen leiten – genau diese Stimmungen finden ihren Weg in meine Bilder. Das Schwierigste ist, zu entscheiden, wann ein Bild fertig ist. Das kann mir nur mein Bauchgefühl sagen, da gibt es keine Regeln.

Inwiefern beeinflusst Ihr Leben im rollenden Atelier Ihre Kunst?

Erst dadurch habe ich angefangen, Vollzeit zu malen und damit mein Geld zu verdienen. Meine Kunst ist also mit dem Vanlife so richtig entstanden und gereift. Die wechselnden Landschaften, das Licht und die verschiedenen Stimmungen während der Reise sind meine Quelle der Inspiration. Die Bilder sind Ausdruck meiner gelebten Freiheit. Ich benenne sie nach den Orten, an denen sie entstehen. Ich wüsste nicht, was ich malen würde, wäre ich immer an demselben Ort.

Wohin hat Sie Ihre Reise bis jetzt geführt?

In der Regel fahre ich über die Wintermonate Richtung Süden, den Sommer verbringe ich in Deutschland. Ich bin bereits durch Italien bis nach Sardinien gefahren, auch die gesamte Strecke bis nach Griechenland über Albanien und Kroatien habe ich mit dem rollenden Atelier bereist.

Wie sieht Ihr Alltag im rollenden Atelier aus?

Mein Tag fängt mit einer Tasse Kaffee an, dann kommt es auf die Stimmung an: Wenn ich Lust habe zu malen, baue ich mein Atelier draußen auf. Ich mische mir Farben an, platziere die Leinwand und lege los. Dabei malt die Natur auch immer ein Stück weit mit: Ich male draußen, da ist meine Leinwand jeder Witterung ausgesetzt. Mal windet es, mal kommt Sand in die Farbe, mal mischen sich Regentropfen in das Gemälde. Besonders eindrücklich war das bei einem Bild, das auf Sardinien entstanden ist. Ich habe mich ganz nah ans Meer gestellt und die Leinwand an einen Pfosten gehangen. Plötzlich kam eine Windböe und wehte die Leinwand in die Wellen. Ich war mir sicher, das Gemälde sei zerstört. Als ich es aber aus dem Wasser fischte, sah es noch viel schöner aus als zuvor. Das Malen im Freien hat mir beigebracht, loszulassen, die Kontrolle auch mal abzugeben.

Eine junge Frau im Jeansoverall hält mehrere Farbspraydosen und Walzen in Händen, neben ihr lehnt eine bereits bemalte Leinwand an der Motorhaube eines roten LKW. Im Hintergrund ein Hafen mit Industriegerüsten.
Ria arbeitet abstrakt, es geht ihr nicht um konkrete Motive, sondern um das Zusammenspiel der Farben. Foto: Lisa Marie Mayer

Haben Sie einen Lieblingsort zum Malen?

Der Hamburger Hafen zählt sicherlich zu einem meiner liebsten Orte. Auch das Urbane und Industrielle kann sehr inspirierend sein. Ich liebe es, die Container und die Kräne zu beobachten, am Hafen wird rund um die Uhr gearbeitet. Einmal habe ich mich vor eine grüne Containerwand gestellt und ein lila Bild dazu gemalt, weil es die Komplementärfarbe ist. Besonders schön dieses Jahr war auch das Malen in der Lüneburger Heide in der Nähe von Hamburg. Ich war vier Tage während der Blütezeit dort. Dann verwandelt sich die Heide in ein Meer aus Lilatönen.

Halten Sie auch negative Gefühle und Momente in Ihren Bildern fest?

Ja, ich mache da keinen Unterschied. Malen ist für mich wie Yoga, ich kann ganz im Moment sein und mein Innerstes nach außen auf die Leinwand tragen. Danach fühle ich mich frei.

Zu Beginn meiner Reise hatte ich beispielsweise viel Ärger mit meinem Auto. Ein unentdeckter Fehler und die Feuerwehr ist im warmen Zustand nicht mehr angesprungen. Ich musste also bei laufendem Motor tanken und hatte ständig Angst, liegenzubleiben. Mehr als einmal musste ein riesiger Abschleppwagen kommen. Die Ängste und die Unsicherheiten dieser Zeit habe ich im Bild B45 festgehalten – benannt nach der Bundesstraße 45, wo mein Auto einmal abgeschleppt werden musste.

Gibt es auch heute noch Unsicherheiten, die Sie auf Ihren Reisen begleiten?

Es gibt jeden Tag viel zu organisieren und bedenken. Habe ich genug Wasser, wo verbringe ich die Nacht, darf ich hier stehen? Die Straßen im Süden sind zudem sehr schmal, da wird es mit meiner großen Feuerwehr oft eng. Einmal musste ich in Griechenland fast drei Kilometer rückwärtsfahren, weil mir ein Bus entgegenkam. Außerdem ist mein Auto sehr alt, Baujahr 1991. Da ist immer die Sorge, dass nochmal etwas kaputt gehen könnte, Ersatzteile sind nicht schnell verfügbar.

Können Sie sich trotzdem vorstellen, auf Dauer mit Ihrem Feuerwehrauto unterwegs zu sein?

Ich folge diesem Lebensstil so lange, wie es sich gut anfühlt. Für die Zukunft könnte ich mir eine Mischung vorstellen. Das heißt, ich habe mein rollendes Atelier, mit dem ich wegfahren und malen kann, sowie eine Wohnung als Basis.

Was haben Sie von Ihrem Leben im rollenden Atelier bis jetzt gelernt?

Dass wir uns von einem strengen Lebensplan befreien sollten. Meine Geschichte zeigt, dass es auch anders geht und dass alternative Lebensformen funktionieren können. Genau das möchte ich auch mit meiner Kunst vermitteln: Wer einen Traum in sich trägt und dafür brennt, darf sich trauen, ihm zu folgen. Ich möchte die Menschen dazu ermuntern, sich aus der Komfortzone zu wagen. Denn mutig sein lohnt sich.

Das Interview führte Katrin Brahner.

Kartenausschnitt Europa, in Deutschland, Italien, Kroatien und Griechenland sind jeweils meherere Orte genannt und mit rotem Punkt markiert.
Die Orte, an denen bereits Werke entstanden sind. Quelle: Lisa Marie Mayer; Illustration: liga.co.at
 

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zuletzt geändert am 18.02.2026

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