Legendäre Kaffehäuser der Weltliteratur
Viele große Texte sind nicht am heimischen Schreibtisch entstanden, sondern inmitten der Geschäftigkeit eines belebten Lokals. Katrin Brahner stellt uns 5 jener Cafés vor, in denen Literaturgeschichte geschrieben wurde.
A Brasileira do Chiado, Lissabon, Portugal
Das A Brasileira zählt zu den berühmtesten Cafés Portugals. Es befindet sich im Herzen Lissabons, mitten im künstlerischen Stadtteil Chiado. Schon beim Betreten des Cafés dürfte vielen Besuchenden der Atem stocken: Der Boden ist schwarz-weiß gefliest, von der Decke hängen prächtige Kronleuchter, die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt und teilweise mit riesigen Spiegeln verkleidet.
Seit seiner Eröffnung im Jahr 1905 mauserte sich das Café mehr und mehr zum Treffpunkt der Kreativen und Intellektuellen. Einer der berühmtesten Gäste war der Dichter Fernando Pessoa – eine der wichtigsten Figuren der portugiesischen Literatur – an den bis heute eine Statue vor dem Eingang des Cafés erinnert. Auch Schriftsteller und Künstler Almado Negreiros und Dichter Mário de Sá-Carneiro kehrten regelmäßig im A Brasileira ein.
Wer hier eine Kaffeepause einlegt, sollte unbedingt eine „Bica“ trinken – die in Portugal, besonders in Lissabon, übliche, sehr aromatisch-kräftige Variante eines Espressos. Erzählungen zufolge machte der Cafégründer Adriano Soares Teles do Vale das Getränk einst in Portugal berühmt, indem er seinen Gästen die ersten Tassen kostenlos servierte.
Anreise | Wer viel Zeit (mehr als 30 Stunden) mitbringt, kann per Zug und/oder Bus nach Lissabon reisen – zum Beispiel über Zürich, Lyon, Barcelona und Madrid oder über Paris und Bordeaux.
Vor Ort | Lissabon hat eine ganze Reihe von Parks zu bieten, die zum Ausruhen abseits des Stadttrubels einladen. Darunter der Florestal de Monsanto, der größte Waldpark Portugals, inklusive Wanderwegen und Picknickplätzen.
Caffè Florian, Venedig, Italien
Im Caffè Florian haben schon so berühmte Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Giacomo Casanova, Lord Byron, Charles Dickens und Goethe ihren Kaffee genossen und Inspiration gefunden. Bis heute erinnert der „Sala degli Uomini Illustri“, der „Saal der illustren Männer“ mit Porträts und Bildern an diese bedeutenden Gäste.
Neben diesem empfängt das Caffè Florian seine Gäste in sechs weiteren prunkvoll gestalteten Räumen. Inmitten von Samtsitzmöbeln, Mosaik- oder Steinböden, opulenten Spiegeln, Stuck und Gemälden taucht man in eine andere Epoche ein. Doch nicht nur das macht das Café so besonders: Eröffnet im Jahr 1720, ist es eines der ältesten durchgehend geöffneten Kaffeehäuser Italiens.
Direkt am berühmten Markusplatz gelegen, ist es früher wie heute ein beliebter Treffpunkt bei Einheimischen und Tourist*innen. Zur Tasse Kaffee haben Gäste im Caffé Florian die Wahl zwischen allerlei extravaganten Leckereien. Unter anderem gibt es Törtchen, belegte Croissants und Quiches.
Anreise | Von Wien aus fährt der ÖBB Railjet in etwa sieben bis elf Stunden direkt nach Venedig.
Vor Ort | Wer weiter auf den Spuren berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller wandeln will, sucht eine der vielen Bibliotheken Venedigs auf – so liegt die Biblioteca Marciana, eine der wichtigsten Bibliotheken Italiens, direkt in der Nähe des Caffè Florian. Bei einem Rundgang lassen sich historische Bücher und Manuskripte ebenso bewundern wie die Monumentalsäle selbst.
Café de Flore, Paris, Frankreich
Seit den 1880er Jahren ist das Café de Flore in Paris ein Treffpunkt für Schriftsteller*innen, Philosoph*innen und Künstler*innen. Zu den bedeutendsten Stammgästen zählen Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Pablo Picasso, Ernest Hemingway und Guillaume Apollinaire. Berühmt wurde das Café auch durch Charles Maurras, der Erzählungen zufolge hier Teile seines bekannten Buches „Au Signe de Flore“ verfasste.
Im Café trafen außerdem die Schriftsteller und Dichter Philippe Soupault, André Breton und Louis Aragon aufeinander – ein intellektueller Austausch, der zur Herausbildung der Pariser Dada-Szene beitrug, einem Zusammenschluss von Schriftsteller*innen und Künstler*innen, die nach dem Ersten Weltkrieg mit provokativer Kunst gegen traditionelle Werte protestierten.
1994 rief der Schriftsteller Frédéric Beigbeder im Café de Flore den „Prix de Flore“ ins Leben. Die Auszeichnung wird bis heute jedes Jahr im November im Café an junge, originelle Autor*innen verliehen. 2025 erhielt Rebeka Warrior den Preis für ihr Werk „Toutes les vies“.
Trotz des zunehmenden Andrangs von Tourist*innen hat das Café seinen ursprünglichen Charme bewahrt: Noch immer treffen sich hier junge und erfahrene Schriftsteller*innen, um bei einem Café die Welt neu zu denken und leidenschaftliche Debatten über Kunst und Literatur zu führen. Das liegt nicht zuletzt auch am Standort mitten im Saint‑Germain‑des‑Prés, dem Kreativviertel von Paris.
Anreise | Bis der direkte ÖBB Nightjet nach Paris wieder verfügbar ist, kann man entweder den Nachtzug nach Köln nehmen und Paris in drei weiteren Zugstunden erreichen – oder man nutzt die etwa 13-stündige Zugfahrt untertags selbst zum Schreiben.
Vor Ort | Im Viertel Saint‑Germain‑des‑Prés finden sich viele unabhängige Buchhandlungen, darunter die „Librairie L’Ecume des Pages“ direkt neben dem Café de Flore. Sie gehört zu den größten unabhängigen Buchhandlungen in Paris und verfügt über ein umfangreiches Sortiment von rund zehntausend Titeln.
Bewley’s Grafton Street Café, Dublin, Irland
1927 eröffnet, zählt das Bewley’s Grafton Street Café in Dublin zu Irlands ältesten Cafés. Zugleich ist die Lokalität tief mit der Literaturgeschichte Irlands verbunden – seit seiner Eröffnung fungiert das Haus als öffentlicher Salon, in dem Lesen, Schreiben, Beobachten und Debattieren selbstverständlich zusammengehören.
Berühmte Gäste waren zum Beispiel James Joyce, W.B. Yeats, Samuel Beckett und George Bernard Shaw. Der sogenannte Poet‘s Corner im Café erinnert bis heute an die Dichterinnen und Dichter, die hier geschrieben haben – dort finden sich Porträts, Namen und kurze Hinweise auf jene Schriftsteller*innen, die im Bewley’s gewirkt haben.
Auch außerhalb des Bewley’s ist Dublin ein wahres Paradies für alle, die gerne lesen und schreiben: 2010 wurde die Stadt zur UNESCO City of Literature ernannt. Den Titel hat sie sowohl der hohen Dichte an international bedeutenden Autor*innen als auch den vielen öffentlich zugänglichen Bibliotheken sowie Schauplätzen, die in Romanen vorkommen, zu verdanken.
Anreise | Von Holyhead (Wales) und Liverpool (England) aus setzen Fähren nach Dublin über. Wer etwas Zeit mitbringt, kann die Häfen von Wien aus mit Umstiegen in Frankfurt, Brüssel und London per Zug erreichen – die ganze Reise dauert etwa 24 Stunden.
Vor Ort | Wer in die Natur eintauchen will, begibt sich auf den Howth Cliff Walk. Die Wanderung führt an der gleichnamigen Klippe entlang und bietet spektakuläre Ausblicke auf die Bucht. Startpunkt ist die Station Howth, diese erreicht man von Dublin aus mit dem DART-Zug in etwa 30 Minuten.
Café Hawelka, Wien, Österreich
In den 1950er Jahren war das Café Hawelka in Wien der zentrale Treffpunkt der sogenannten „Wiener Gruppe“ – einem Kreis namhafter Schriftsteller*innen und Künstler*innen der Nachkriegszeit. Persönlichkeiten wie H.C. Artmann, Heimito von Doderer, Hilde Spiel und Oswald Wiener nutzten das Café nicht nur zum Schreiben, sondern auch für lebhafte Diskussionen und intellektuelle Debatten. Selbst berühmte Persönlichkeiten aus dem Ausland kehrten im Café Hawelka ein, darunter Elias Canetti, Henry Miller, Arthur Miller und Andy Warhol.
Die amerikanisch-österreichische Autorin Maria Wachter hat sogar einen ganzen Roman nach dem Café benannt. Das 2024 erschienene Buch „Café Hawelka“ erzählt eine fesselnde Familiengeschichte, in der das legendäre Wiener Kaffeehaus selbst zum zentralen Schauplatz wird.
Bis heute hat das Café nichts von seinem besonderen Charme eingebüßt: Dunkle Holzwände, runde Holztische und gedämpftes Licht lassen die Gäste in eine andere Zeit eintauchen. Der perfekte Ort, um den Alltag hinter sich und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Ein Muss bei einem Besuch ist die Buchtel, das süße Hefeteiggebäck, das hier besonders gut zur dampfenden Tasse Kaffee passt.
Anreise | Überall von Österreich aus mit dem Zug möglich.
Vor Ort | Noch nicht genug von Literatur und Kaffee? Dann bietet sich ein Besuch in einem der Büchercafés in Wien an. Dort kann man es sich mit einem guten Buch und einem leckeren Kaffee gemütlich machen. Dazu zählen unter anderem das Phil oder das Café Schopenhauer.
Katrin Brahner
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zuletzt geändert am 18.02.2026
