Naturinsel Elba
Berühmt aus Film und Literatur, bietet die italienische Insel weit mehr als historische Schauplätze: Neben Geschichte und Kultur trifft man auf herzliche Gastfreundschaft, sympathische Eigenart und nachhaltige Visionen. Das formt eine Vorstellung davon, was Inselglück bedeutet.
„Wer Elba nicht kennt, denkt an Napoleon. Wer Elba kennt, eher nicht“, sagt Reiseführerin Monika Monti beim Rundgang durch die ehemalige Sommerresidenz des gestürzten Kaisers. Napoleon Bonaparte lebte während seines knapp einjährigen Exils von Mai 1814 bis Februar 1815 auf Elba; die Villa San Martino zählt heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Insel. Auch Film und Literatur griffen dieses Kapitel auf: Ridley Scotts Historienepos Napoleon (2023) zeigt Szenen aus dem Exil, wurde jedoch nicht auf Elba gedreht. In derselben Epoche spielt Alexandre Dumas’ Roman „Der Graf von Monte Christo“ (1844 bis 1846), in dem der junge Seefahrer Edmond Dantès wegen eines Briefes Napoleons aus Elba zu Unrecht verhaftet wird. Nach 14 Jahren Kerker flieht er und wird dank eines Schatzes, der auf der Insel Montecristo versteckt ist, zum reichen Grafen, der an jenen Rache nimmt, die ihn verraten hatten. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, erstmals 1908 als Stummfilm und zuletzt 2024 in einer epischen Neuadaption. Kein Wunder, dass Napoleon beim Gedanken an Elba so präsent ist. Umso spannender ist es, sich der Insel jenseits der historischen Kultfigur zu nähern.
Die Insel Montecristo zum Beispiel gibt es wirklich: An klaren Tagen scheint das rund zehn Quadratkilometer große Eiland zum Greifen nah, während es an trüben Tagen im Dunst zwischen Himmel und Meer verschwindet – es liegt immerhin 40 Kilometer vor der Küste Elbas. Jahrhunderte lang lebten Mönche auf der Insel, heute ist Montecristo streng geschützt. Gemeinsam mit Elba, fünf weiteren kleinen Inseln und dem umgebenden Meeresgebiet bildet sie den Nationalpark „Toskanisches Archipel“.
Einen der schönsten Blicke auf Montecristo genießt man vom langen Sandstrand von Lacona, etwa auf der Terrasse des Bistrot Miramar. Das Strandlokal gehört zum Campingplatz Valle Santa Maria, den Gabriele Rotellini in dritter Generation führt. „Meine Großeltern nahmen 1965 zum ersten Mal Gäste aus Deutschland auf, die fragten, ob sie hier ein Zelt aufstellen könnten“, erzählt er. Obwohl Gabriele am Festland Sport studierte und kurz als Lehrer arbeitete, widmet er sich seit vielen Jahren mit Herzblut dem Familienbetrieb. Der Campingplatz trägt das EU-Ecolabel: Warmwasser entsteht durch Photovoltaik und Solarthermie, Strom stammt aus grünen Quellen und der Verbrauch von Wasser, Gas und Energie wird bewusst niedrig gehalten. Im Sommer bleibt kaum Zeit zum Durchatmen – oder für einen Sprung ins Meer. Trotzdem sagt Gabriele: „Ich liebe diese Arbeit, dieser Campingplatz ist mein Leben.“ Erst im November und Dezember kehrt Ruhe ein, dann stehen Wartungsarbeiten an. Im Winter engagiert sich Gabriele in der Inselpolitik und setzt sich für nachhaltige Tourismusstrukturen ein.
Mit seinem Interesse für nachhaltigen, sanften Tourismus ist er auf der Insel auch nicht allein: Der familiengeführte Parfümhersteller Acqua dell’Elba – mit rund 120 Angestellten einer der bedeutendsten Arbeitgeber Elbas – gründete 2022 eine Stiftung zur Förderung von Umwelt-, Bildungs- und Kulturprojekten. Gemeinsam mit der UNESCO entstand die „Blaue Schule“, in der Schüler*innen lernen, wie wichtig der Schutz des Meeres ist. Für das Frühjahr 2026 ist die Eröffnung des rund 70 Kilometer langen Küstenwanderwegs La Via dell’Essenza geplant. Entlang des Pfades erfahren Wanderbegeisterte mehr über mediterrane Pflanzen wie Lavendel oder Rosmarin, deren Essenzen in Parfüms verarbeitet werden. Das Projekt entsteht in Kooperation mit dem Nationalpark, derzeit wird ein Netzwerk an umweltfreundlichen Unterkünften erarbeitet.
Unternehmergeist und Nachhaltigkeit verbinden auch Fabrizio und Serena Falcone. In ihrem Getränkeshop Calata Mazzirits in der Bucht der Inselhauptstadt Portoferraio verkaufen sie regionale Weine, Olivenöl, Eingelegtes – und ihr eigenes Bier „Salina“, das mit Meerwasser gebraut wird. „Wir entnehmen der Natur Wasser. Also wollten wir ihr auch etwas zurückgeben. Deshalb sind wir eine Partnerschaft mit dem Nationalpark eingegangen“, erzählen sie. Wer zwei Flaschen kauft, spendet automatisch zwei Euro für Projekte zum Schutz maritimer Tiere wie der Mittelmeer-Mönchsrobbe. Ihre nächsten Pläne sind konkret: Auf einem neu erworbenen Stück Land wollen sie Gemüse anbauen und ein kleines Agriturismo errichten.
Einen ähnlichen Traum haben Luigi und Mari Bellissimo schon verwirklicht. 2018 kauften sie oberhalb der Bucht von Lacona ein verwildertes Stück Land und machten es wieder fruchtbar. Heute wachsen dort Salat, Tomaten, Zucchini, Erdbeeren, Feigen, Granatäpfel und noch viel mehr. Luigi, gebürtiger Elbaner, und Mari, ursprünglich aus Teneriffa, verbringen ihre Tage mit Umgraben, Pflanzen, Jäten, Gießen und Ernten. „Das hier ist viel mehr Arbeit als mein früherer Gastro-Job, aber es macht mich deutlich zufriedener“, sagt Luigi, das Gesicht von der Sonne gegerbt. Die Ernte landet an ausgewählten Abenden frisch auf den Tellern ihres Freiluftrestaurants „La Finca“: eine Feuerstelle, Tische und Stühle auf der Wiese, Lichterketten. Reserviert wird ausschließlich per Handychat – und statt einer Speisekarte entscheidet man sich einfach für Fleisch oder Fisch mit Gemüse.
Die Unverfälschtheit Elbas zieht vor allem Campingurlaubende und naturverbundene Gäste an: Rund die Hälfte der Insel ist Teil des Nationalparks. Neubauten sind stark eingeschränkt, wodurch ursprüngliche Wälder, Macchia (dicht stehende, immergrüne Büsche) und Küstenlandschaften erhalten bleiben. Sanfter Tourismus bedeutet hier: baden, wandern, Rad fahren, genießen. Da Elba nur einen kleinen Flughafen hat, reisen die meisten Besuchenden mit Auto, Campingwagen, Zug sowie mit der Fähre an – die Überfahrt vom italienischen Festland dauert nicht mal eine Stunde. Neben Campingplätzen prägen familiengeführte Pensionen und Hotels das Angebot. Während die Insel im Sommer gut besucht ist, lohnt sich eine Reise auch in der Vor- oder Nachsaison. Dann ist es auch an den rund 150 Stränden und Buchten ruhiger. Campingplatzbetreiber Gabriele verbringt seine freien Stunden am liebsten am Strand Sansone, zehn Autominuten westlich von Portoferraio. Steile Stufen führen hinab zum hellen Kiesstrand, das Wasser leuchtet türkis und hinter dem Strand erheben sich helle, grün bewachsene Felsen. Von der Bar Sansone Reef bietet sich ein weitschweifender Blick auf die Bucht.
Die Strände, das Meer, die unzähligen Blau- und Lichtnuancen – all das prägt die Menschen hier. „Das Meer und das Licht sind in uns“, sagt die Künstlerin Francesca Burrascano. In den Werken, die sie als Teil des Künstlerkollektivs „Circulo degli Artisti Isola d‘ Elba“ im Durchgangsbogen der ehemaligen Hafenbehörde von Portoferraio ausstellt, spiegelt sich dieses Lebensgefühl wider: leuchtende Blautöne, Sonnenreflexe, schäumendes Wasser. „Dieses Bild“, erklärt sie und zeigt auf ein Ausstellungsstück, „stellt das Gefühl dar, wenn man am Strand einnickt, aufwacht – und noch nicht ganz weiß, was man sieht.“ Das Kollektiv zeigt im ehemaligen Hafengebäude jedes Jahr von Mai oder Juni bis September neue Werke regionaler Künstler*innen.
Eindösen, aufwachen, sanft die Wellen plätschern hören und ins Sonnenlicht blinzeln: So kann es einem auch am Strand von Lacona ergehen. Man blickt in die Weite der Bucht – und entdeckt am Horizont einen Felsen. Montecristo? Dann reibt man sich die Augen und greift wieder zum aufgeschlagenen Roman, der am Strandtuch liegt. Jedes Jahr im Mai wird das Meeresrauschen allerdings von Blasmusik übertönt: Nämlich dann, wenn am 4. Mai Napoleons Ankunft auf der Insel im Jahr 1814 pompös gefeiert wird: Mitglieder des Vereins Associazione Culturale Petite Armée schlüpfen in nostalgische Kostüme, stellen historische Szenen nach und ziehen durch die Inselhauptstadt. Wer genau hinschaut, entdeckt unter einem Hut mit breiter Krempe womöglich auch das Gesicht von Campingplatzbetreiber Gabriele. Trotz der vielen Arbeit lässt er sich das jährliche Spektakel nicht nehmen.
Maria Kapeller
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zuletzt geändert am 19.02.2026
