Bick auf den Ort Tetbury mit einer domunanten Kirche mit spitzem Turm in der Mitte. Im Vordergrund grasen Schafe auf der Weide.
Foto: Visit Tetbury

England - eine Reise in die Cotswolds

Jede Reise ist auch eine Suche. Manchmal sucht man Erholung, manchmal Abenteuer, manchmal will man Neues finden. Zu Beginn unserer Reise stand allerdings etwas Altes, Verlorenes, vielleicht etwas, das es so nie gegeben hat. Es war die Suche nach einem Bild in unserem Kopf, einem Bild, das wir vom „echten“ England hatten. Vielleicht ist es nur die Suche nach einer Welt, die es so nie gegeben hat. Vielleicht ist es die Suche nach einer verlorenen Zeit.

Von unserem Englandbild stammt vermutlich vieles aus Büchern, alten Fernsehserien und Filmen. Wer sieht nicht eine Gestalt aus James Harriots „Der Doktor und das liebe Vieh“ vor sich, wenn er an einen typischen Engländer in seinem natürlichen Habitat denkt? Grünbraun-kariertes Tweedsakko, matschverbrämte Gummistiefel, daneben ein kleiner Jagdhund. Dichter, dicktropfiger Landregen, davon verschleiert die sanftgrünen Wiesen. Von Bergen keine Spur, Hügel trennen nur als geschwungener Pinselstrich die Landschaft vom angegrauten Horizont. Straßenverkehr gibt es kaum, nur manchmal zieht in der Ferne ein waldgrüner Landrover seine Kreise und dringt als hintergründiges Rauschen in unseren Kopf.

Margaret Rutherford mag uns in ihrer Rolle der Miss Marple die Architektur des englischen Kleindorfes nähergebracht haben. Dicht an dicht stehen einstöckige, steinerne Cottages. Die Gärten nur durch einen kleinen Zaun aus Eichenholz getrennt, ideal, um den Dorftratsch nicht am zentralen Brunnen austauschen zu müssen, sondern ihn wie ein Staffelholz rund um den Anger kreisen zu lassen.

Auch die dunkle, schauervolle Seite des englischen Landlebens trägt man im Kopf. Die Bilder der düster-sumpfigen Moorlandschaften von Dartmoor und Exmoor haben sich durch Bücher wie Arthur Conan Doyles „Der Hund von Baskerville“ oder auch Edgar-Wallace-Verfilmungen wie „Das Wirtshaus von Dartmoor“ in uns festgesetzt. Karge Landstriche, von Grasflächen und Steinfeldern dominiert, hie und da etwas Strauchwerk, wechseln einander mit bemoosten Erlen- und Eichenwäldern ab.

Eine Reise beginnt

Steinhäuser entlang der Straße
Straße in Salford. Foto: Grassl/Stadler

Unsere Reise führte uns in die Cotswolds und die südenglischen Moorlandschaften. Wollte man „echt“ reisen, dürfte man vermutlich nur mit Zug, schwarzem Omnibus oder – wer es argromantisch mag – mit Pferdekutschen von Ort zu Ort ziehen. Dass die Privatisierung des Schienennetzes Humbug ist (um Dicken’sche Diktion zu verwenden), haben uns die Briten schon in den 90ern gezeigt. Diese Möglichkeit ist also weggefallen, ebenso wie die englischen Busverbindungen, die sich wenig touristenfreundlich zeigen. Es bleibt nur der Leihwagen – immerhin ein Corsa Vauxhaul, der britische Opelableger.

Die meiste Zeit verbrachten wir in den Cotswolds. Diese Region, die über sechs Grafschaften verläuft, wird oft als das Herz Englands bezeichnet. Hügelige Landschaft, wenige Kleinstädte, viele Dörfer und kleine Rotten – Landschaft und Bauwerke wirken wie aus einem Guss. Während man sich in heimischen Gefilden schon daran gewöhnt hat, dass in den neugebauten Wohnsiedlungen Passivhäuser mit violetter Glitzerfassade neben dem terracottafarbenen Einfamilienhaus im säulengeschmückten Toskanastil – wahlweise getrennt durch Thujenhecken oder Gabionen – friedlich nebeneinander koexistieren, scheint sich England still und heimlich seine ästhetische Vernunft behalten zu haben und dem Ensembleschutz wird, obwohl nicht überall vorgeschrieben, Rechnung getragen.

Friedhof und alter Turm in Winsford.
Friedhof in Winsford. Foto: Grassl/Stadler

Licht und Schatten

Und man findet sie wirklich noch, die Orte, die wie aus unserem Kopf entsprungen zu sein scheinen. Kleine, einspurige Straßen, gesäumt von reetgedeckten Cottages, umwuchert von wildem Wein, inmitten des Dorfes die gotische Kirche. Der Friedhof liegt einige Meter über dem Niveau des Gotteshauses. Ein makabres Zeichen dafür, wie viele Dorfbewohner in den vergangenen Jahrhunderten schon hier begraben wurden. Die Gräber geschmückt mit schlichten Granitkreuzen. Doch der Weg dorthin gestaltet sich schwieriger, als man es sich denken wollte.

Besucht man Orte wie Burford oder Bibury – laut Eigendefinition und Reiseführern ein „must see“ und der Prototyp des englischen Dorfes, mag man schnell enttäuscht werden. Statt gemütlicher Beschaulichkeit schiebt sich der Straßenverkehr durch Burfords vermeintlich verträumte Straßen. Aber es ist kein geschäftiges Treiben eines lebhaften Örtchens – die englischen Straßenplaner dürften vor Jahrzehnten übersehen haben, dass man den Überlandverkehr auch übers Land führen kann. Trotz alledem kann man sich über Tourismus nicht beklagen – tut es aber, zu Recht, dennoch. An den bunten, hölzernen Eingangstüren prangen Schilder, die um Rücksichtnahme bitten, weil unmanierliche Touristen sich nicht einmal davor scheuen, die Einheimischen durch deren Wohnzimmerfenster zu fotografieren.

Das typisch Englische scheint vielerorts verschwunden zu sein. So passt es nur zu gut, dass es im lokalen Angelshop keine Angelruten der altehrwürdigen englischen Traditionsmarke Hardy, einst großer Stolz der englischen Fly-Fishing-Community, zu kaufen gibt, sondern US-amerikanische Importware.

Bibury umfasst nicht mehr als zwanzig kleine Steincottages, mitten durch den Ort fließt ein kleiner Fluss, alle hundert Meter könnte man ihn über ein kleines Steinbrückchen überqueren, die Vorgärten, der große Stolz vieler Engländer, sind von beeindruckenden Rosensträuchern und Stechpalmen überwuchert. Man wähnte sich im Paradies, wenn sich nicht … am Straßenrand Reisebus an Reisebus reihen würde. Auch hier finden wir ähnliche Schilder wie in Burford, allerdings am Gartenzaun und sicherheitshalber dreisprachig gehalten. Der Spaziergang durch den Ort gestaltet sich wie ein Torlauf eines alpinen Schifahrers – nur weicht man keinen Torstangen, sondern Selfie-Sticks aus. Beklagen darf man sich aber nicht, schließlich ist man selbst Teil des Trosses.

Reiseführer sind uns Fluch und Segen zugleich. Theoretisch weiß man schon vorher, was man alles ansehen will. Und in der Praxis sollte man ebendiese Orte dann am besten meiden. Glücklicherweise bestehen die Cotswolds nicht nur aus den immer selben fünf Geheimtipps eines jeden Reiseführers, die dann eben nicht mehr so geheim sind. Die umliegenden Dörfer sind in den Cotswolds meist ebenso schön, jedoch wirklich beschaulich und ruhig.

Schild vor einem Pub in Cornwall.
Pub in Cornwall. Foto: Grassl/Stadler

Der Pub – Herz und Nucleus

Wo findet man nun das „echte“ England? Nichts könnte naheliegender sein: Im Gespräch. Dieses sucht man am besten im Dorfpub, dem Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Mikrokosmos. Die Engländer und Engländerinnen erweisen sich auch als äußerst interessierte Gesprächspartner, erzählen gerne von ihrem Leben, sind stolz auf ihre Herkunft und geben bereitwillig Auskunft über alles, das man wissen will. Nur das Thema „Brexit“ sollte man als Kontinentaleuropäer lieber aussparen, zu sehr geht ein Riss durch die Bevölkerung.

Wenn man ein bisschen Glück hat, überschneidet sich der Pubbesuch mit dem wöchentlichen Pubquiz. Bei uns in den letzten Jahren immer stärker im Kommen, gestaltet sich für viele das Rätselraten bei kellerkaltem Pale Ale und Gin, natürlich aus der Region, als Pflichttermin und fast das ganze Dorf nimmt daran teil. Stimmungsvoller kann es kaum sein: Zig verschiedene Biersorten, die meisten aus der unmittelbaren Umgebung, werden „cellar cold“ mithilfe von großen Zapfhähnen in die Gläser gepumpt. Der karierte Teppichboden im Pub prägt das Ambiente ebenso wie der Kamin und die feuchtfröhliche Stimmung der Einheimischen, die sich gerne zu einem dazusetzen, um von ihrer letzten Reise zu erzählen.

Mann und Frau vor altem englischem Gebäude.
Sophia Grassl und Thomas Stadler auf den Spuren des Besonderen in den Cotswolds. Foto: Grassl/Stadler

Britische Freundlichkeit

Britische Höflichkeit erweist sich nicht nur als Klischee und geht über das freundliche Wort hinaus. So kann es einem im dörflichen Inn (eine Mischung aus gehobenem Wirtshaus und Nächtigungspension) durchaus passieren, dass auf die Bitte, ob denn die Kellnerin ein Taxi für die Rückfahrt bestellen könnte, diese das mit einem knappen „Just a moment“ quittiert, in der Küche verschwindet und mit einem freundlichen „Hugh from the kitchen will bring you home“ zurückkommt.

Der Besitzer des Angelshops, der zwar keine britischen Ruten mehr verkauft, bekommt leuchtende Augen, wenn man ihn über die Gewässer „around here“ ausfragt. Mit großer Begeisterung erzählt er von den Fliegenlarven, die gerade schlüpfen und die mit viel Können zum Köder gemacht, die Forellen und Lachse zum Anbiss reizen. Als er dann schließlich fragt, woher man selbst sei, bekommt man auf die Antwort „Austria“ nur ein demütiges „You live in a fishing paradise“ entgegengeraunt.

Wir mögen zwar nicht alles gefunden haben, wonach uns der Sinn stand. Wahrscheinlich war das Bild in unserem Kopf eine Illusion, die es so nie gegeben hat. Aber unsere Suche nach einer verlorenen Zeit war zumindest eines nicht: Verlorene Zeit.

Infos: www.cotswolds.com

Autoren: Sophia Grassl und Thomas Stadler

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zuletzt geändert am 13.02.2020

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