Blick auf einen roten Zug, der aus einem Tunnel fährt und dabei ist, die Schlucht zwischen zwei verschneiten, bewaldeten Felsen auf einem Viadukt zu überqueren.
Foto: Johannes Hofmann/Unsplash

Grenzenloses Bahnfahren mit Hindernissen

Warum das grenzüberschreitende Zugfahren durch Europa Tücken birgt, wie man die Hürden überwindet und die Bahnreise zum Erlebnis wird.

Als die Europäische Union 2021 das „Jahr der Schiene“ ausrief, schickte sie den „Connecting Europe Express“ quer durch Europa. Von Lissabon aus tourte der Zug durch den Kontinent und machte in über hundert Bahnhöfen Halt, ehe er am 7. Oktober in Paris einfuhr. Als Symbol der Verbundenheit sollte der Express Lust aufs Bahnfahren machen, den Weg der EU zur Klimaneutralität bahnen – und dabei auf eine unerfreuliche Sache hinweisen: Zugfahren in Europa birgt seine Tücken, vor allem wenn man Landesgrenzen überschreiten will. Unterschiedliche Spurweiten, vier Stromsysteme, zwanzig Zugsicherungssysteme, weder ein einheitliches Buchungssystem noch eine einheitliche Betriebssprache. Die mangelnde Interoperabilität des europäischen Bahnverkehrs zeigte sich eindrücklich an der Tatsache, dass der „Connecting Europe Express“ für seine Fahrt 55 verschiedene Lokomotiven benötigte.

Eine Karte zeigt die Nachtzugverbindungen zwischen den österreichischen Städten Wien, Salzburg, Innsbruck, Bregenz, Villach und Graz nach Zürich, Stuttgart, Brüssel, Amsterdam, Hamburg, Berlin, Warschau, Budapest, Kiew, Arad, Bukarest, Zagreb, Split, Vene

Soll bald kommen: Single-Ticketing

Dass die Bahnsysteme in Europa nicht kompatibel sind, hat vor allem historische Gründe. „Sie wurden als klassische Staatsbahnen entwickelt“, sagt Michael Schwendinger vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Im Gegensatz zur Flugbranche, die von Beginn an auf Internationalität ausgerichtet war, wurde bei den nationalen Bahnsystemen weniger über die Landesgrenzen hinausgedacht. Was historisch gut erklärbar ist, sorgt heute für einen hohen Grad an Komplexität und führt beispielsweise zu lästigen Stehzeiten an den Grenzen oder komplizierten Buchungsprozessen bei grenzüberschreitenden Reisen. Was das Buchen betrifft, soll sich bald etwas ändern: Die EU-Kommission will mit „Single Ticketing“ (ein Ticket pro Strecke) das Reisen vereinfachen und die Fahrgastrechte stärken. Bisher haben Reisende nämlich bei verpassten Anschlüssen kein Recht auf Entschädigung oder kostenlose Umbuchung, wenn die Tickets von unterschiedlichen Bahnunternehmen waren.

Kaffee trinken am Bahnhof

Bahnfahren soll damit für mehr Menschen zur attraktiven Alternative zum Fliegen werden. Michael Schwendinger begrüßt die Initiative der EU für mehr Harmonisierung. Für ein freudvolleres Zugerlebnis empfiehlt er aber auch, an eine Bahnreise anders heranzugehen als an einen Flug. Vor allem für Gruppen, wenn man ein Rad mitnimmt oder mit dem Nachtzug fährt, solle man früh genug buchen. Wenn man Angebote wie die Sparschiene in Anspruch nimmt, könne die Bahnreise auch preislich eher mit dem Fliegen konkurrieren. Mit Verspätungen und verpassten Anschlüssen muss man auf internationalen Fahrten immer wieder rechnen. Deswegen, sagt Schwendinger, sollte man beim Ticketkauf auf längere Umsteigezeiten achten und diese von vornherein als Teil der Reise betrachten. „Man kann zwei, drei Stunden einplanen, einen Kaffee trinken oder sich die Stadt anschauen. Bahnhöfe liegen ja eher im Stadtzentrum.“ Wer sich den Buchungsprozess nicht antun will, kann eigens darauf spezialisierte Reisebüros beauftragen oder Plattformen wie www.traivelling.com oder www.omio.at zu Hilfe nehmen. Für die Streckenauswahl ist es sinnvoll, sich anzuschauen, wohin es Direktverbindungen gibt. Die bringen einen nämlich schon einmal weit, zum Beispiel nach Brüssel oder Hamburg. Von dort aus kann man die weitere Reise planen.
Michael Schwendingers Perspektive auf das Fahren mit dem Zug: die (An-)Reise selbst genießen. „Ich finde, Zugfahren ist eine sehr attraktive Art des Reisens. Man kann sich im Zug bewegen, einander gegenseitig besuchen, Karten spielen. Bei Nachtfahrten hat man den sogenannten ‚Nachtsprung‘: Man schläft ein und wacht am nächsten Tag ganz woanders auf.“ Ein Erlebnis.


Erfahrungsberichte von "Zugvögeln":

QUALITY-TIME IM ZUG

Mit ihrem Mann und ihren vier Söhnen reiste Katharina schon an viele Orte in Europa, die mit dem Nachtzug zu erreichen sind. In diesem Sommer ging es nach Split und von dort mit einem Mietauto weiter nach Albanien. „Für uns als Familie funktioniert Zugfahren sehr gut, vor allem seitdem das jüngste Kind sein eigenes Gepäck tragen kann. Im Zug haben wir Quality-Time, wir kommen miteinander ins Reden.“ Dass das Ticketbuchen bei internationalen Strecken so kompliziert ist, findet Katharina mühsam. Der Aufwand beim Planen der Strecke macht ihr dafür gar nichts aus. „Das gehört für mich zur Urlaubsplanung.“ Was Katharina am Zugfahren noch sehr liebt: kein Stau, keine Parkplatzsuche. Und dass man gleich im Zentrum einer Stadt ist, wenn man ankommt. Deswegen ärgert sie sich auch nicht über Verspätungen. „Wir rechnen gar nicht damit, dass alles glatt geht. Wenn wir drei Stunden Zeit haben, schauen wir halt die Stadt an.“ Noch ein Plus beim Zugfahren: „Die Kinder werden schneller selbstständiger. Weil sie wissen, wie man sich die Welt erobert. Das ist ein Akt der Selbstermächtigung.“

Vier Personen sitzen in einem Zugabteil: die Frau liest und die drei Kinder unterhalten sich angeregt während auf dem Tisch zwischen ihnen Gegenstände wie Schreibzeug, Bücher, Hefte, Trinkflasche und eine Kappe liegen.
Für sie und ihre Familie funktioniert Zugfahren sehr gut, besonders seitdem auch das jüngste Kind sein Gepäck selber tragen kann, sagt Katharina. Foto: Privat

Autorin: Sandra Lobnig

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zuletzt geändert am 01.10.2026

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