Küstenstädtchen in einer Bucht: viele Hohe, schmale Häuser mit roten und grauen Dächern, eng aneinander gebaut, eine Brücke führt über die Hafenbucht, am Wasser liegen Boote.
Foto: Visit Britain/Katya Jackson

Mit Zug und Bus durch North Yorkshire

Großes Kino im Norden Englands: Magischen Drehorte, dampfende Museumszüge und verschlafene Küstenstädtchen. Englands Norden lässt sich wunderbar ohne Auto erkunden. Wer hier mit Bus und Bahn reist, steigt direkt in die Kulissen großer Kino- und Seriengeschichten ein.

Eine Gruppe junger Menschen in schwarzen Umhängen drängt sich durch die Menschenmenge. Die Zauberstäbe in der Hand, reihen sie sich in die lange Schlange derjenigen ein, die zumindest zwei Dinge gemeinsam haben: ihre Liebe zu Harry Potter und den Willen, für ein Foto am berühmten Gleis 9 ¾  in King’s Cross eine gewisse Wartezeit in Kauf zu nehmen. Egal zu welcher Uhrzeit man am Londoner Bahnhof vorbeischaut, eine Menschentraube findet sich hier fast immer. Sie steht sinnbildlich für die ungebrochene Faszination, Drehorte geliebter Filme zu besuchen. Aber King’s Cross ist auch sonst der ideale Ausgangspunkt für eine Reise durch Englands Norden, der mit einigen nicht minder spektakulären Drehorten und Filmkulissen aufwartet. Das Abenteuer beginnt!

Eisenbahn mit Dampflok fährt auf einer geraden Strecke durch grüne, hügelige Landschaft. Himmel ist blau mit weißen Schäfchenwolken.
Vor 200 Jahren fuhr in England die erste Eisenbahn Europas und noch heute eignet sich das Land ideal für entspanntes Reisen ohne Auto. Foto: Visit Britain/NYMNPA/Daniel Wildey

Zug oder Zeitmaschine?

Vor 200 Jahren fuhr in England die erste Eisenbahn Europas und noch heute eignet sich das Land ideal für entspanntes Reisen ohne Auto. Die London and North Eastern Railway (LNER) bietet leistbare Verbindungen von London King's Cross bis nach Schottland, vorbei an Hotspots wie Glasgow, Aberdeen und Edinburgh. Je nach Kategorie wartet sogar ein überraschend feines, mehrgängiges Mittagessen an Bord. Unser erster Stopp ist York, rund zweieinhalb Stunden von London entfernt. Kaum aus dem Zug gestiegen, laden die alten Stadtmauern, die sich wie ein steinernes Band um das Zentrum legen, auf einen ersten Rundgang ein. Sie sind frei zugänglich und perfekt, um sich zu orientieren und gleichzeitig in die Vergangenheit einzutauchen. Von oben wirkt York nämlich recht kompakt, fast überschaubar, doch unten in den Gassen entfaltet sich eine erstaunliche Vielfalt. Besonders charmant sind die alten Snickelways, jene schmalen, oft unscheinbaren Durchgänge, die sich plötzlich zwischen Häusern öffnen. Sie machen jeden Spaziergang zum kleinen Abenteuer. In den berühmten Shambles, einer der am besten erhaltenen mittelalterlichen Straßen Europas, reiht sich heute ein Souvenirgeschäft ans nächste – Bücher, handgemachte Süßigkeiten oder kleine Geister aus Ton, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Wer früh unterwegs ist, erlebt diesen Ort fast intim, bevor er sich mit Besucherinnen und Besuchern füllt. Und auch, dass York als Schokoladenhauptstadt Englands gilt, ist kein Zufall: Große Namen der Süßwarenindustrie haben hier ihre Wurzeln und das süße Erbe ist allgegenwärtig. Eine feste Institution ist beispielsweise Bäckerei und Café Bettys, seit 1919 Sinnbild für klassische britische Teekultur.

Ein Besuch der berühmten York Minster darf natürlich nicht fehlen. Die Kathedrale ist so monumental, dass selbst der schiefe Turm von Pisa darin locker Platz hätte – es öffnet sich ein Raum von beeindruckender Weite, Licht fällt durch jahrhundertealte Glasfenster. Kein Wunder, dass York immer wieder als Filmkulisse dient. Historische Serien und Produktionen finden hier eine Stadt, die kaum Inszenierung braucht.

Perfektes Busfensterkino

Als nächstes geht es mit dem Bus Richtung Pickering. Je weiter wir uns von der Stadt entfernen, desto weiter wird auch die Landschaft. Sanfte Hügel, kleine Dörfer, Felder mit grasenden Schafen – und zwischen Mitte August und Anfang Oktober verwandelt die Heideblüte Yorkshire zudem in ein leuchtend violettes Meer – im Abendlicht vom Busfenster aus besonders eindrucksvoll.

Blumen mit gelben und lila Blüten im Vordergrund, dahinter der Blick hinunter auf die gegenüberliegende felsige Steilküste.
Im North York Moors Nationalpark befindet sich Englands größtes Heidemoor, das im Sommer lila blüht und von Rad- und Wanderwegen durchzogen ist. Foto: Jenni Koutni

Gleich nach der Ankunft am Bahnhof von Pickering spürt man: Dieser Ort ist filmreif. Hier beginnt die Fahrt mit der North Yorkshire Moors Railway, einer der ältesten Bahnstrecken der Welt. Heute als Museumsbahn geführt, wirkt schon das Einfahren der dampfenden Lok wie ein Szenenwechsel. Schaffner*innen in Uniform, ausgestattet mit Pfeifen und Taschenuhren, sorgen dafür, dass alles auf die Minute genau klappt. Kein Wunder, dass Hollywood diese aus der Zeit gefallene Kulisse zu schätzen weiß. So flanierten hier bereits Mitglieder der Adelsfamilie Crawley aus „Downton Abbey“ über den Bahnsteig, John Malkovich löste als Meisterdetektiv Hercule Poirot die berühmten „Morde des Herrn ABC“ in der gleichnamigen BBC-Miniserie nach Agatha Christie und Tom Cruise flog 2021 per Hubschrauber für „Mission Impossible 7“ ein. Da Harrison Ford im jüngsten „Indiana Jones“ entlang der Strecke über ein Zugdach flüchtet, lohnt es sich bestimmt auch, einen Fensterplatz zu sichern.

Von der Landschaft auf die Leinwand

Mit dem nächsten Stopp in Goathland landen wir erneut in der Welt von Harry Potter – für den ersten Film stellte der Bahnhof nämlich „Hogsmeade Station“ dar. Ansonsten wirkt Goathland wie aus einem britischen Historienfilm entsprungen: Schafe grasen neben den Gleisen, im ehemaligen Güterschuppen befindet sich eine Teestube und nur wenige Schritte weiter beginnt das Dorf mit seinen Pubs und kleinen Läden.

Kleiner Bahnhof mit Backstein-Wartehäuschen, auf den Gleisen beider Richtungen fahren soeben alte Eisenbahnzüge mit Dampfloks ein. In der Umgebung grüne Landschaft mit vereinzelt Backsteinhäuschen und hohen Bäumen.
Goathland Station stellte für den ersten Harry Potter Film den Bahnhof „Hogsmeade Station“ dar. Foto: Visit Britain/NYMNPA/Ula Blocksage

Goathland ist außerdem auch ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen. Ein schöner Rundweg führt zum Dörfchen Beck Hole mit seinen gut erhaltenen alten Häusern, nach Mallyan Spout, dem höchsten Wasserfall des North York Moors Nationalparks, und weiter zur alten Wheeldale Römerstraße. Wer lieber geführt unterwegs ist, findet im nahegelegenen Whitby organisierte Touren zu besonderen Drehorten. In den Fischerort gelangt man in etwa dreißig Minuten mit der Museumsbahn – oder man nimmt den Bus, der für diese Strecke knapp drei Pfund kostet. Der Vorteil dabei: Die Küstenlinie gehört zu den schönsten des Landes und ist hervorragend erschlossen. Nächster Halt: Noch mehr Filmgeschichte!

Dracula, Gothic und Gruselkino

Whitby braucht keinen Nebel aus der Maschine, um dramatisch zu wirken: Fischerhäuser drängen sich um den Hafen, Möwen kreischen und hoch über allem thronen die Ruinen der Whitby Abbey, die nicht selten von Raben umkreist werden. Der steile Aufstieg über 199 Stufen lohnt sich, auch wenn der Wind hier oben stets ein wenig schärfer weht. Ein alter Friedhof mit schiefen Steinkreuzen sorgt für jene Gänsehautstimmung, die gut zu den vielen Geistergeschichten passt, die sich um diesen Ort ranken. Man muss nicht lange überlegen, warum Bram Stoker Whitby als Inspirationsquelle für seinen Romanklassiker „Dracula“ nannte. Zahlreiche Film- und Serienadaptionen griffen diese düstere Atmosphäre auf, darunter auch der Schwarz-Weiß-Klassiker „Dracula“ von 1931, der Schauspieler Bela Lugosi für viele endgültig zum Vampir schlechthin machte. Außerdem findet hier zweimal jährlich ein bekanntes Gothic-Festival statt.

Blick von einer sonnenbeschienenen Steintreppe mit schmiedeisernem Geländer und Laterne hinunter auf die Hafenbucht. Die Häuser sind weiß gestrichen und haben graue und rote Dächer.
An Sonnentagen kaum zu glauben: Im schaurig-schönen Whitby, der Inspiration hinter Bram Stokers "Dracula", findet zwei mal im Jahr ein Gothic Festival statt. Foto: Visit Britain/Raj Passy

Nicht weit entfernt, verbunden durch eine weitere Busfahrt oder eine Wanderung entlang des panoramareichen Cleveland Way, liegt Robin Hood’s Bay. Enge Gassen, charmante Cottages, schiefe Pubs und ein Strand, der abrupt an einer Klippe endet, machen diesen Ort zu einem ganz besonderen, sehr ruhigen Ferienziel. Mit dem berühmten Wohltäter hat die Robin Hood’s Bay übrigens nicht direkt etwas zu tun, der Name stammt vermutlich von der langen Schmuggler-Vergangenheit des Ortes. Auch hier wurde immer wieder gedreht, unter anderem für Paul Thomas Andersons oscarnominierten Film „Der seidene Faden“ aus dem Jahr 2017.

Castle Howard – Prunk und grüne Vision

Den im wahrsten Sinne des Wortes „krönenden“ Abschluss dieser Reise bildet ein Tagesausflug, der sich von York oder Whitby bequem per Bus unternehmen lässt: das altehrwürdige Castle Howard. „Bridgerton“-Fans erkennen das weitläufige Anwesen vermutlich sofort wieder. Aber auch Stanley Kubricks filmisches Meisterwerk „Barry Lyndon“ sowie die Serien „Brideshead Revisited“ und „Victoria“ fanden hier eine ebenso dramatische wie opulente Kulisse. Drinnen wie draußen sind Prunkräume, Säulenhallen, gepflegte Gärten, Tempel und Brunnen wie geschaffen für ganz großes Kino.

Neben seiner Filmgeschichte beeindruckt Castle Howard übrigens auch durch sein konsequentes Engagement für Nachhaltigkeit. Geheizt wird per Erdwärme mit Unterstützung des eigenen Sees, groß angelegte Renaturierungsprojekte fördern Biodiversität und eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Dass all das sich im privaten Familiensitz der Familie Howard seit über 300 Jahren befindet, macht den Ort umso bemerkenswerter.

Im Vordergrund ein großer barocker Springbrunnen mit Marmorstatuen. Im Wasser spiegelt sich der blaue, mit weißen Wölkchen bevölkerte Himmel und das dahinterliegende, riesige Prunkschloss.
Neben seiner Filmgeschichte beeindruckt Castle Howard auch durch sein konsequentes Engagement für Nachhaltigkeit. Foto: Visit Britain/Laurent DeRossi

Langsamer reisen, mehr sehen

Am Ende dieser Reise wird deutlich, dass Fortbewegung mehr ist als bloßes Ankommen. Wer in Nordengland Bus und Bahn wählt, reist langsamer, aber aufmerksamer. Die Wege durch die sanft geschwungene Landschaft lassen Zeit für Beobachtungen, Gespräche und Perspektivenwechsel. Und manchmal entscheidet sich gute Reiseplanung ohnehin an einer einfachen Frage: ob man rechtzeitig zur Teatime zurück ist.

Jenni Koutni

Unterwegs mit Zug und Bus

Von York fahren regelmäßig Regionalbusse in rund einer Stunde nach Pickering. Von dort startet die North Yorkshire Moors Railway durch den Nationalpark. Ein Tagesticket für die gesamte Strecke samt beliebigem Hop‑on/Hop‑off kostet etwa £45. www.nymr.co.uk

Eindrücke vom Yorkshire Moors Railway: Dampflok, Schaffner, alte Waggongarnituren, Fahrkarten aus Papier, Süßigkeiten auf den blau-grün karierten Sitzen.
Eindrücke einer nostalgischen Zugfahrt. Fotos: Jenni Koutni

Alternativ fährt man mit dem 840 Coastliner direkt weiter nach Goathland oder Whitby.
Lokale Busfahrten sind überraschend günstig. Die Regierung hat ein Preisdeckel‑System eingeführt, das bei vielen Buslinien Einzelfahrten zwischen drei und fünf Pfund ermöglicht. www.arrivabus.co.uk

Grafik Karte North Yorkshire
Illustration: liga.co.at

Yorkshires grüne Küche

Wer durch Yorkshire reist, begegnet nicht nur weiten Moorlandschaften und dramatischen Küsten, sondern auch einer kulinarischen Bewegung, die die Schätze der Region zelebriert.

In Goathland versteckt sich Homestead Kitchen: Das mit einem Grünen Michelin Stern 2025 ausgezeichnete Lokal wurde von Küchenchef Peter Neville und seiner Frau Cecily Fearnley in einem umgebauten Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert eröffnet und steht für entspanntes Fine Dining. Hier werden nur saisonale, selbst angebaute Bio-Gemüsesorten, Produkte von lokalen Lieferant*innen und sogar Erzeugnisse verarbeitet, die von Einheimischen gespendet werden.

Veganer Sonntagsbraten angerichtet mit Bratkartoffeln, Gemüse und Kräutern auf einem Holzbrett.
Veganer Sonntagsbraten Foto: Homestead Kitchen

Nur wenige Täler weiter, im beschaulichen Malham, setzt Beck Hall neue Maßstäbe: Das traditionsreiche Hotel wurde 2024 zum ersten vollständig pflanzenbasierten Hotel Englands. Für die Besitzer*innen Louise und Andy Macbeth eine Entscheidung aus persönlicher Überzeugung.

Kleine steinerne Brücke mit Eisengeländer über einem seichten Flüsschen, die Ufer sind Efeubewachsen. Zwischen Bäumen und Büschen eine Anordnung mehrerer kleiner Gebäude, Steinmauern, ein Gastgarten. Dahinter grüne Hügel.
Beck Hall: Das traditionsreiche Hotel wurde 2024 zum ersten vollständig pflanzenbasierten Hotel Englands. Foto: Beck Hall

TIPP: Mit der Mobilitäts-App wegfinder findest du alle Angebote für deine An- und Rückreise und kannst diese auch gleich buchen. Neben Zügen und Bussen zeigt dir die App auch das vorhandene Leih-Angebot an Autos, Fahrrädern und E-Scootern sowie regionale Taxiunternehmen für die Fahrt vom Bahnhof / von der Bushaltestelle zum gebuchten Quartier.

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zuletzt geändert am 18.02.2026

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