Slow Travel mit Flügelschlag - Reisen wie ein Kranich
Was haben Zugvögel und Menschen gemeinsam? Im Winter zieht es sie in wärmere Gefilde, dabei durchqueren sie den Kontinent. Und wenn du jetzt den Artikel über die Gewohnheiten und Macken der Vögel liest, fallen dir vielleicht noch weitere Übereinstimmungen auf.
Wenn einer alles über Kraniche weiß, dann ist es Günter Nowald, Geschäftsführer der gemeinnützig anerkannten Kranichschutz Deutschland GmbH und Leiter des internationalen NABU Erlebniszentrums Kranichwelten in Günz auf dem Darß ganz im Norden Deutschlands. „Hier in Europa ist der Graukranich beheimatet, und der ist ein Langstreckenflieger,“ erzählt er. „Den Sommer über verbringt er in Skandinavien, im Herbst zieht er bis nach Südspanien.“ Vielleicht sieht ja unsere Urlaubsplanung angesichts immer höherer Temperaturen in Zukunft auch so aus.
„Kraniche fliegen bis zu 500 Kilometer am Tag, manches Mal sogar noch mehr. Das wissen wir durch die Auswertung von GPS-Daten“, erzählt Nowald. Manches Mal ändern sie auch ihre Reisegewohnheiten. „Wir hatten einmal eine Familie, die ist auf dem Weg von Estland in den Süden in zwei Tagen 2000 Kilometer geflogen.“ Der Highway in den Winterurlaub – quasi die Tauernautobahn der Kraniche - führt über Zentralfrankreich nach Spanien. „Mindestens 200.000 Kraniche überwintern dort,“ weiß Nowald. „Aber auch in Frankreich lassen sich zwischen 100.000 und 200.000 Kraniche nieder“.
Kraniche sind zwar Aktivflieger und legen sich mit jedem Flügelschlag ins Zeug. Um Energie zu sparen, lassen sich die Vögel aber auch gerne von der Thermik in die Höhe tragen, wenn sie Alpen- oder Pyrenäenpässe überqueren. Dass sie dabei in kurzer Zeit mit extremen Temperaturunterschieden zurechtkommen müssen, ist für sie kein Problem.
Auf der Reise lauert neben dem Fuchs auch so manch andere Gefahr. Und es sind nicht die Windräder! Nowald: „Das größere Problem sind Stromleitungen. Leider wird nicht so viel in der Erde verkabelt, daher ist die Landschaft durch Stromkabel zerschnitten. Unerfahrenen Jungvögel, die noch nicht so geschickt im Flug sind, werden sie immer wieder zum Verhängnis.
Schönwettertourist*innen
Schlechtes Wetter mögen die Kraniche gar nicht. Kreuzt eine Schlechtwetterfront ihren Weg, weichen sie großräumig aus. Und wenn sie Sturmböen oder Schneegestöber vor dem Schnabel haben, dann fliegen sie auch nochmal zurück zu einem Rastgebiet, wo sie sicher übernachten, und auf besseres Wetter warten können. „Wir hatten auch schon Kraniche bis Anfang Dezember hier auf dem Darß, bevor sie den Flub in den Süden angetreten haben. Das war ein Jahr mit lang anhaltender Südwestströmung. Gegen den Wind wollen die Vögel nicht unbedingt fliegen, das ist zu anstrengend, kostet Energie. Also sind viele länger geblieben“, erzählt Nowald.
In letzter Zeit bleiben auch immer mehr Kraniche ganz zu Hause. „30.000 Kraniche sind im Winter in Deutschland geblieben“, berichtet Nowald. Der Klimawandel bewirkt, dass wir hier im Norden Deutschlands keine langen Zeiten mit geschlossenen Schneedecken mehr haben. Die Kälte ist für die Kraniche kein Problem, solange sie Futter finden.“ Warum sollten sie sich die mühsame Reise in den Süden überhaupt antun, wenn es zuhause genauso schön ist. Auch in Afrika gibt es Kranicharten, die gar nicht ziehen. Warum auch? Die wohnen in Äquatornähe und da gibt es keine Jahreszeiten. In Uganda hat es der Kranich sogar auf die Staatsflagge geschafft.
Und dann gibt es da auch noch Kranich Paco, der quasi als Individualtourist ganz verrückte Sachen gemacht hat. Nowald: „Der ist nach Polen geflogen und dann an einem Tag über die Ostsee bis nach Schweden. Offensichtlich hat er dort gemerkt, dass er ganz falsch ist und dann Deutschland als neues Ziel in sein inneres Navi eingegeben. Ohne GPS-Sender würden wir solche Ausflüge gar nicht mitbekommen.“
Slow Travel
Offensichtlich haben die Vögel im Unterschied zu uns Menschen meist viel Zeit für ihre Reise. Da geht es nicht darum, so schnell wie möglich anzukommen. „Auf dieser langen Reise müssen sich die Vögel auch einmal länger ausruhen und genug fressen, um Energie zu tanken. Die flachen Boddengewässer hier auf dem Darß sind ein sicherer Ort, um auszuschlafen. Auf eingezäunten Feldern hat Nowald für sie eine Luxus-Gourmet-Raststation geschaffen. 28 Tonnen Mais hat er im letzten Jahr ausgestreut, damit sich die Vögel vor der Weiterreise ordentlich anfuttern können. Der Zaun schützt vor wildernden Tieren.
Praktischerweise liegt der Rastplatz der Vögel gleich neben der Beobachtungsstation KRANORAMA. Die Gäste haben die Vögel perfekt vor der Linse oder können sie mit Fernrohren beobachten, ohne sie zu stören. Wenn das Flugwetter passt, ziehen sie weiter. Gleich daneben ist das NABU-Erlebniszentrum KRANICHWELTEN, Europas größtes Kranichzentrum, wo du all das, was ich hier geschrieben habe und noch viel mehr über die Kraniche erfahren kannst.
Heimreise
Zurück aus ihrem Winterurlaub kommen die Kraniche etwa im März wieder auf dem Darß vorbei. Dann kannst du den Tanz der Kraniche bewundern, für den sie ja auch berühmt sind. Er dient der Paarbindung, der Paarfestigung und zur Einstimmung auf die bevorstehende Brut. „Im Frühjahr bleiben die Vögel nicht lange, meist nur wenige Tage“, erzählt Nowald. „Dann ziehen sie gleich weiter, um ihr Revier im Norden zu besetzen. Denn wenn da schon ein anderer das Haus besetzt hat, müssen sie viel intensiver kämpfen, als wenn sie selber schon zu Hause sind. Sie machen sie die Tür zu und alles ist gut.“ Übrigens: Nach der Paarung bleiben die Männchen und Weibchen ein Leben lang zusammen. Fast so wie bei Rosamunde Pilcher.
Zum NABU-Erlebniszentrum KRANICHWELTEN>>>
Anreise & Mobilität
Mit dem Nachtzug nach Berlin und weiter mit dem Zug nach Rostock oder Stralsund. Dann mit dem Bus auf den Darß. Wir haben ab Rostock ein Auto gemietet. Mietzentrale gleich gegenüber Bahnhof. Auf dem Darß ist das Verkehrsmittel der Wahl das Fahrrad. Auf den Dämmen verlaufen die Radwege, Räder kannst du dir überall günstig auszuleihen.
PS.: Der Hinweis auf den freiwilligen Klimaschutzbeitrag für den Flug entfällt dieses Mal ausnahmsweise.
Autor: Christian Brandstätter
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zuletzt geändert am 07.10.2026