Kreuzfahrtschiff in der Bucht von Kotor, davor 2 kleine Segelschiffe und ein Angler.
Kreuzfahrtschiff in der Bucht von Kotor. Foto: Dennis Cox

Wenn die Massen reisen

Venedig, Barcelona, Dubrovnik, Kotor und Hallstatt haben zwei Dinge gemeinsam: Sie zählen zu den schönsten Plätzen auf unserem Planeten. Und sie werden von Touristen überrannt.

Graffitis zieren Mauern. Sie sind weder künstlerisch wertvoll noch Ausdruck von Lebensfreude, sondern sie unterstreichen die Stimmung in der Bevölkerung: „Tourists go home“ ist zu lesen oder „Tourism kills the City“. Der Unmut darüber, dass Fremde ihre Ressourcen verbrauchen, ihr Leben verteuern und ihre Umwelt zerstören, hat bei Einheimischen in vielen Regionen schon die positive Einstellung zum devisenbringenden Tourismus verdrängt. Die heimische Bevölkerung fühlt sich überrannt, das Schlagwort „Over Tourism“ geistert durch die Medien.

Verständlich wird die Gegenwehr der lokalen Bevölkerung, vergleicht man ihre Zahl mit der Anzahl der Touristen. In Venedig leben 55.000 Menschen, besucht wird die Lagunenstadt von täglich bis zu 100.000 Menschen. 2,7 Millionen Touristen haben im Jahr 2016 die 1,6-Millionen-Stadt Barcelona mit Kreuzfahrtschiffen besucht. Ada Colau, Bürgermeisterin der weltweit touristisch am schnellsten wachsenden Metropole, wirbt mit dem Slogan „Wir wollen nicht Venedig werden“.

INVASION DER TOURISTEN

Mit Menscheninvasionen von Kreuzfahrtschiffen kämpft auch das kroatische Dubrovnik. Im Sommer brachten die schwimmenden Luxusherbergen bis zu 9.000 Besucher pro Tag in die Weltkulturerbe-Stadt, um ein Drittel mehr als die von der UNESCO errechnete Maximalanzahl, die eine Zerstörung der geschützten Infrastruktur verhindern soll.

Nicht schwimmende, sondern rollende Touristentransporter sind das Problem im österreichischen Hallstatt. Der 775-Seelen-Ort im Salzkammergut wird von Touristen überrannt – bis zu 10.000 Besucher kommen an Spitzentagen. 130.000 haben im vergangenen Jahr in Hallstatt übernachtet, die meisten aber quartieren sich gar nicht ein, sie besuchen den beeindruckenden Ort nur für ein paar Stunden und Erinnerungsfotos - mit Leihdirndl und auf Privatgrund. „Be quiet“ hängt an vielen Gartentürln, und ein Schild mit durchgestrichenem Fotoapparat. 3.440 Busse fuhren Hallstatt 2010 an, 2016 waren es bereits 12.776. Tendenz steigend. Dagegen kämpft der Verein „Bürger für Hallstatt“, der bei der Gemeinderatswahl auf Anhieb 24 Prozent der Stimmen erreicht hat.

Ortsplatz mit Säule in Hallstatt.
Hallstatt. Der 775-Einwohner-Ort kämpft mit bis zu 10.000 Besuchern pro Tag. Foto: Austria-panoramio

FOLGEN DES UNKONTROLLIERTEN MASSENTOURISMUS

Die Auswirkungen der touristischen Massenwanderungen auf Klima und Umwelt sind bekannt: Flugtourismus ist ein Klima-Killer, wenn die Kreuzfahrt boomt, leidet die Umwelt. Kreuzfahrtschiffe liegen zu 40 Prozent in Häfen und verbrauchen dort im Dieselbetrieb die Energie einer Kleinstadt, schreibt Tourismusexperte Frank Herrmann in seinem Buch „Fair-Reisen“. Die Möglichkeit, Landstrom zu nutzen, wird von den wenigsten angenommen. Die von den gestrandeten Riesen der Meere ausgestoßenen Feinpartikel belasten die Luft in Hafenstädten enorm. Dazu kommt, dass die Schifftouristen mehr Müll als Einkünfte für die Einheimischen zurücklassen. In Venedig dürfen sich zwar Schiffe über 55.000 Tonnen nicht mehr am historischen Zentrum der Lagunenstadt vorbeischieben, in die ökologisch sensible Lagune dürfen sie trotzdem einfahren. Die UNESCO diskutiert bereits darüber, Venedig auf die Liste der gefährdeten Erbstücke der Menschheit zu setzen.

Der Bürgermeister von Dubrovnik geht radikaler dagegen vor, dass die „Perle der Adria“ ihren Weltkulturerbe-Status verliert. Nur mehr 4.000 Touristen nimmt Dubrovnik pro Tag auf, sie müssen Eintritt in die historischen Teile der Stadt zahlen. Dubrovniks Beschränkung bringt Probleme für das montenegrinische Kotor. Reiseveranstalter leiten Kreuzfahrtschiffe von Kroatien in die wahrscheinlich schönste Bucht am Mittelmeer um, die schon jetzt unter der Urlauberinvasion leidet.

Was läuft da schief?

"Die Gründe für diese Entwicklung sind sicherlich vielschichtig – und da spielen auch fehlende Planung und unzureichendes Management sowie mangelnde Teilnahme der Bevölkerung bei der Tourismusentwicklung eine Rolle", sagt die Tourismusexpertin Cornelia Kühhas von der Naturfreunde Internationale – respect. "Eine Ursache liegt aber auch in unserem Konsumverhalten. Urlaub wird mehr und mehr zum alltäglichen Konsumgut, während er früher noch häufig als Luxus empfunden wurde."

Der Trend geht zu Kurzurlauben, und das mehrmals pro Jahr. Das große Angebot an Billigurlauben feuert diese Entwicklung noch an. Und so strömen die Touristenmassen in der Hauptsaison zu den Stränden und Sehenswürdigkeiten, um schnell ein paar Fotos zu machen und diese via Social Media im Freundeskreis zu verbreiten, bevor es zum nächsten touristischen Highlight weitergeht. Nur wenige nehmen sich noch die Zeit, sich auf die Reise vorzubereiten, sich mit dem Gastland auseinanderzusetzen, sich auf seine Menschen und seine Kultur einzulassen. Die Destinationen werden zur Fotokulisse, die einheimische Bevölkerung zu Statisten.

Die Macht der Reisenden

Neben den Einheimischen haben zunehmend auch die Reisenden selbst das Gefühl, dass zu viele TouristInnen unterwegs sind. So sind laut einer Studie, die für die Berliner Tourismusmesse ITB durchgeführt wurde, 25 Prozent der Befragten der Meinung, dass ihre Reisedestination überfüllt war. Ein Paradoxon, sind sie doch selbst Teil des Problems. Cornelia Kühhas appelliert an die Reisenden: "Jede und jeder kann seinen Beitrag leisten, dass sich das Blatt im Tourismus wendet. Hin zu einem Tourismus, von dem alle Beteiligten profitieren und der die Natur und Ressourcen bestmöglich schont. Nehmen Sie sich Zeit – für Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung, für das Eintauchen in die Kultur und Landschaft, auch abseits der touristischen Trampelpfade. Nächtigen Sie in privaten Hotels und Pensionen oder besuchen Sie von Einheimischen geführte Lokale, so kann auch die lokale Bevölkerung von Ihrem Besuch profitieren.“ Und wenn man einer längeren Reise anstatt vieler kurzer Wochenendtrips den Vorzug gibt, fallen auch wesentlich weniger Treibhausgasemissionen für die Anreise an.

Lesetipp: Broschüre "Reisen mit Respekt – Tipps für faires Reisen"

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zuletzt geändert am 17.04.2018

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