Jugensatilgebäude - weiß mit roten Ziegeln - davor winw Rampe mit der Aufschrift Herzlich Willkommen NÄ Landesausstellung
Foto: Moritz Scheer

Wenn die Welt Kopf steht

Wenn ich früher erzählte, wo ich zuhause bin, erntete ich meist Gelächter. Wenn einer aus Mauer-Öhling kommt, muss er einen Vogel haben. Heuer findet auf dem Gelände des Landesklinikums Mauer die NÖ-Landesaustellung statt, auch um das Bild von geistiger Gesundheit und Krankheit neu einzuordnen.

Eine Episode, die den Umgang mit psychischen Erkrankungen widerspiegelt, war mein Auftritt vor der Zivildienstkommission Mitte der 1980er Jahre. Damals musste man glaubhaft darlegen, dass man aus Gewissensgründen den Wehrdienst mit der Waffe nicht leisten kann. „Aus Mauer-Öhling kommen Sie!“, stellte einer der Gewissensprüfer fest. „Was würden Sie machen, wenn Sie mit ihrer Freundin spazieren gehen, und so ein Depperter fällt über sie her?“ Den Rest des Hearings versuchte ich dem Herrn klar zu machen, dass die Menschen im Krankenhaus Mauer nicht deppert, sondern krank sind.

Die „Anstalt“

Die „Anstalt“, wie sie bei uns genannt wurde, war eine sehr offene Anlage und Teil meiner Kindheit. Mein Großvater hat hier als Elektriker gearbeitet, meine Eltern waren Pfleger. Immer wieder haben wir als Kinder die Eltern besucht und einen Eindruck ihrer Arbeit auf den verschiedenen Stationen gewonnen. Auf dem weitläufigen Gelände sind wir herumgetollt, haben Kastanien gesammelt oder Tennis gespielt. Es gab ein reges Vereinsleben.

Jugendstilgebäude (weiß mit roten Ziegelsteinen), grünes Einhangstor, umgeben von Bäumen. Im Vordergrund ein Teich.
Die „Anstaltskirche“ (St.-Leopold-Kapelle) ist vielleicht das beeindruckendste Jugendstil-Gebäude am Areal. Es war als sozialer Mittelpunkt gedacht – für Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen. Foto: Karin Golicza

Soziales Leben wurde auch für die Patienten organisiert. Am Sonntag gab es regelmäßig Tanzveranstaltungen, die im Sommer im Freien stattfanden. Wir hörten die Musik bis nach Hause auf der anderen Seite der Westbahnstrecke. Und wenn die Bremsen eines Zuges schrill quietschten, wussten wir auch gleich, was los ist.

Offene Gesundheitslandschaft

Wer das weitläufige Areal des Landesklinikums Mauer betritt, bewegt sich nicht nur durch eine medizinische Einrichtung, sondern durch ein architekturgeschichtliches Statement für eine offene, menschenorientierte Gesundheitslandschaft. Errichtet zwischen 1898 und 1902, zählt die Anlage zu den bedeutendsten Jugendstil-Ensembles Niederösterreichs. Statt eines massiven Zentralbaus entschied man sich für eine großzügige Pavillonanlage mit freistehenden Gebäuden in einem weitläufigen Park. Sie sollte nicht nur funktional sein, sondern auch einen therapeutischen Effekt entfalten: Licht, Luft und Natur wurden Teil des Behandlungskonzepts, dazu das Zusammenspiel von Kunst, Alltag und medizinischer Behandlung.

Luftaufnahme der parkfürmigen Anlage des Krankenhauses.
Das weitläufige Areal des Landesklinikums Mauer zählt zu den bedeutendsten Jugendstil-Ensembles Niederösterreichs. Foto: Karin Golicza

Der Alltag war auch durch die vielen Wirtschaftsgebäude spürbar. Es gab eine Küche, eine Wäscherei, Werkstätten für Elektriker und Schlosser, eine Gärtnerei und sogar eine eigene Landwirtschaft. Dabei entstand ein „Dorf im Dorf“ mit einem sehr hohen Grad an Selbstversorgung. Die Patient*innen arbeiteten in den einzelnen Gewerken mit und waren so in die Gesamtstruktur der Anlage integriert. Manche sogar so weit, dass sie informell die Verantwortung über einzelne Bereiche, etwa in der Landwirtschaft, übernommen haben.

Ausstellung 2026

In der Ausstellung „Mensch. Psyche. Gesundheit“ zeigen 640 historische Objekte, Kunstwerke, Fotografien, Texte und Dokumente über 250 Jahren Medizingeschichte, wie vielschichtig das Thema psychische Erkrankungen ist. Eröffnet werden Einblicke in den historischen und aktuellen Umgang mit psychischen Erkrankungen, ergänzt durch persönliche Stimmen von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden.

Schautafeln und in blau gehaltene Vitrinen.
Exponate der Ausstellung. Foto: Klaus Pichler

„Die Psyche in ihrer Vielfalt, Originalität und Verletzlichkeit hat die Menschen immer schon fasziniert. Dort, wo es um schwer Begreifliches und Bedrohliches geht, waren psychische Phänomene über Jahrhunderte hinweg Argument für Ausgrenzung und Absonderung. Zu zeigen, dass sich Letzteres inzwischen fundamental geändert hat, ist ein zentrales Anliegen dieser Landesausstellung“, so Paulus Hochgatterer, Psychiater, Autor und Leiter des wissenschaftlichen Beirats der Landesausstellung.

Nur wenn psychische Gesundheit als gesamtgesellschaftliches Anliegen verstanden wird, kann es gelingen, dass Betroffene und ihre Angehörigen keine Ausgrenzung erfahren. Wozu die  Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen im Extremfall führen kann, wird im Rahmen der Schau auch gezeigt: Im Haus 21 werden die neuesten Forschungsergebnisse zur Heil- und Pflegeanstalt während der NS-Zeit und die Medizinverbrechen der Nazis thematisiert. Damit wurde die Basis für eine engagierte Erinnerungskultur geschaffen.

Tor mit der Aufschrift
Der Friedhof direkt am Klinikgelände war Teil des „abgeschlossenen Systems“ der Anstalt. Hier wurden verstorbene Patientinnen und Patienten begraben, aber auch viele Opfer der NS-Euthasnasie. Ein Ort des Gedenkens. Foto: Karin Golicza

Autor: Christian Brandstätter

Die Ausstellung läuft bis 8. November 2026.
Weitere Infos>>>

Anreise

Mit der Bahn bis Amstetten oder vom Westen bis St. Valentin und dann weiter mit dem Regionalzug bis zur Station Mauer-Öhling (bis 10. Juli 2026 Schienenersatzverkehr mit Bussen). Von dort sind es nur wenige Meter bis zum Gelände des Landesklinikums.

TIPP: Mit der Mobilitäts-App wegfinder findest du alle Angebote für deine An- und Rückreise und kannst diese auch gleich buchen. Neben Zügen und Bussen zeigt dir die App auch das vorhandene Leih-Angebot an Autos, Fahrrädern und E-Scootern sowie regionale Taxiunternehmen für die Fahrt vom Bahnhof / von der Bushaltestelle zum gebuchten Quartier.

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zuletzt geändert am 05.06.2026

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