Ein motorisierter Gleitschirmflieger unterwegs über einen See, er wird dabei von einer Gruppe Vögel begleitet.
Ein eigens entwickelter Gleitschirm bremst das Fluggerät so weit ab, dass die jungen Waldrappe mithalten können. Die menschengeführte Migration ermöglicht, neue Kolonien aufzubauen und Zugrouten an klimabedingt veränderte Wintergebiete anzupassen. Foto: Corinna Esterer

Die Toskana der Zugvögel

Jeden Herbst ziehen Tausende Zugvögel gen Süden. Viele finden in der Lagune von Orbetello einen sicheren Winterhafen. Wer ihnen folgt, entdeckt eine Toskana fern aller Postkartenklischees. Und eines der wichtigsten Vogelparadiese Mitteleuropas.

Für Experimente ist Jazu nicht zu haben. Zumindest, wenn es um seinen Winterurlaub geht. Seit 15 Jahren zieht es ihn jeden Herbst an denselben Ort: nach Orbetello. 800 Kilometer liegen zwischen der Brutkolonie des Waldrapps im bayerischen Burghausen und der wilden Lagunenlandschaft im südlichen Zipfel der Toskana. Und natürlich: die Alpen. Eine Reise, die bei günstigen Bedingungen in drei Tagen geschafft ist – die sich aber genauso zum zermürbenden Kraftakt auswachsen kann, wie Corinna Esterer, Mitglied des Waldrappteams, erzählt: „Durch den Klimawandel brechen die Vögel immer später in Richtung wärmerer Gefilde auf. Oft erst im Dezember.“ Werden sie dann in Krimml, ihrem letzten Rastplatz vor der Alpenüberquerung, vom Wintereinbruch überrascht, kann das ihre Reise jäh beenden. „Zwanzig Zentimeter Neuschnee hat es dort schnell einmal“, weiß die Umweltingenieurin. Bis zu zwei Wochen kämpfen sich die Waldrappe aus Bayern und dem Salzburger Land dann bis zu ihrem Winterquartier durch – und viele schaffen es nicht.

Deutlich entspannter reist es sich mit dem ÖBB Nightjet: Von Wien geht es über Nacht via Graz und Klagenfurt nach Florenz. Und von dort in rund vier Zug- bzw. Busstunden weiter an die Küste. Wer Orbetello erreicht, entdeckt eine Toskana, die überrascht: Hier, in der Maremma, ganz im Süden der Region, geben nicht mehr Weinberge, Zypressenalleen und sanfte Hügel der Landschaft ihr Gesicht, sondern Lagunen, Salzwiesen und Pinienwälder. Die Straße führt schnurgerade durch eine weite Ebene, links und rechts glitzert das Meer. Ganz so, als hätte sich ein Stück Camargue nach Italien verirrt.

Flugstunden nach Italien

Dass Jazu und seine Gefährt*innen den Weg nach Orbetello überhaupt kennen, ist dem Einsatz des Waldrappteams um Corinna Esterer zu verdanken. Als es in den frühen 2000er-Jahren den Versuch startete, die Vögel mit dem eigentümlichen Schnabel wieder anzusiedeln, war der Waldrapp in Europa bereits seit über 400 Jahren aus der freien Wildbahn verschwunden. Inzwischen sind die beiden Kolonien rund um Salzburg (Buchberg, Bayern, und Kuchl, Salzburg) auf 323 Tiere angewachsen – ein großer Erfolg, denn ab 360 Individuen kann sich eine ausgewilderte Population selbst erhalten. Bis dahin (sowie in neu etablierten Brutgebieten) begleiten Freiwillige die ersten Lebenswochen der Waldrappe. Esterer arbeitet seit 2013 als Ziehmutter, füttert die Waldrappe von Hand, trainiert mit ihnen das Fliegen und bereitet sie auf ihre erste große Reise vor. Denn wenn die Jungvögel kräftig genug sind, verlassen sie ihre vertraute Umgebung. Immer auf den Fersen ihrer Ziehmutter, die in einem Ultraleichtflugzeug vorausfliegt, prägen sie sich ihre Zugroute ein – bis nach Orbetello. Jazu braucht dafür längst keine Anleitung mehr: Er kennt die Strecke von seinen Eltern – und hat als Ältester in der Kolonie inzwischen selbst etliche Jungvögel auf den Weg gebracht.

Warum das Waldrappteam ausgerechnet diesen Ort am Fuße des Monte Argentario als Wintergebiet für seine Schützlinge ausgewählt hat? Weil die flache Lagunenlandschaft alles bietet, was sie brauchen, erklärt Esterer: „Rundum gibt es jede Menge Pferde-, Schaf- und Rinderweiden, feuchte Wiesen und alte Äcker, in denen die Waldrappe mit ihren langen, gebogenen Schnäbeln nach Würmern, Insektenlarven und Käfern stochern können. Dank des milden Klimas friert der Boden auch im Winter nicht zu.“ Und die Vögel finden dort etwas, das genauso wichtig ist: Schutz. „Illegale Vogeljagd ist in Italien nach wie vor ein Thema“, weiß die Expertin. „Im streng geschützten Teil der Lagune, in den die Waldrappe zum Schlafen zurückkehren, ist die Gefahr deutlich geringer.“

Ein Rastplatz von Weltrang

Das WWF-Naturschutzgebiet Laguna di Orbetello ist nur ein Teil des Lagunensystems, das sich über 2.700 Hektar erstreckt, aber ein besonders wertvoller. In den 1960er-Jahren machten Vogelkundler hier eine überraschende Entdeckung: Der lange verschwunden geglaubte Stelzenläufer, eine elegante Watvogelart mit auffallend langen roten Beinen, brütete wieder in der Lagune. Wenig später richtete der WWF hier eines der ersten Vogelparadiese Italiens ein. „Dass die Lagune in ihrer ursprünglichen Schönheit bis heute bewahrt werden konnte, ist ein großer Verdienst. Ein Großteil der übrigen Feuchtgebiete in Italien wurde inzwischen zerstört, um mehr Land zu gewinnen“, sagt Adriano Argenio, Leiter der WWF-Schutzgebiete Orbetello und Lago di Burano. Heute ist das Marschland Heimat für Silber- und Seidenreiher, Löffler, Kormorane und Fischadler. Und es ist Rastplatz für Tausende Zugvögel auf ihrem Weg zwischen Afrika und Nordeuropa – und das Winterrefugium der wiederangesiedelten Waldrappe.

„Die beste Zeit, um die Lagune zu besuchen, ist zweifellos von Oktober bis Februar, wenn sie von Tausenden überwinternder Vögel wimmelt“, empfiehlt Argenio. Am unbemerktesten lässt sich das Treiben von den Beobachtungshütten im Schilf aus beobachten. Nur wenige Meter entfernt verharrt ein Reiher regungslos im flachen Wasser. Minutenlang bewegt er sich keinen Zentimeter. Dann schießt der Schnabel blitzartig nach unten – und in seinem Hals verschwindet eine der Meeräschen, die silbern durch die Lagunenarme gleiten. Wenig später geht ein Rascheln durchs Schilf. Als hätte jemand ein Startsignal gegeben, hebt ein Schwarm Flamingos gleichzeitig ab. Dutzende Flügel schlagen im selben Rhythmus. Wer dieses Schauspiel erlebt, versteht, warum es Ornithologinnen und Naturliebhaber aus der ganzen Welt hierher zieht. Mehr als zehntausend sind es laut Argenio, die jedes Jahr die beiden Schutzgebiete erkunden, die er verwaltet.

Eine alte Steinruine steht auf einem Felsen über dichtbewaldeter Landschaft, am Horizont das Meer unter blauem, leicht bewölktem Himmel.
Bezaubernde Maremma Foto: Guido Cozzi

Am Rand der Lagune

Auch abseits der WWF-Naturlehrpfade zeigt die Maremma ihre wilde Seite. Auf der Feniglia, der südlichsten der drei Landzungen, die den Monte Argentario ans Festland binden, führt ein Radweg durch einen duftenden Pinienwald – sieben Kilometer mediterraner Dschungel. Wer die Region lieber zu Fuß erkundet, findet in den weiten Ebenen und Hügeln Wanderwege durch eine Landschaft aus Küste, Macchia und Weideland, den Via-delle-Batterie-Panoramaweg entlang der alten spanischen Forts etwa. Und vielleicht begegnet er dort sogar den halbwilden Rindern mit den langen Hörnern, die dort über die Flächen ziehen. Bewacht von den Butteri, den Cowboys der Toskana.

Und irgendwo zieht wohl auch Jazu seine Kreise. Man muss es ihm lassen: Es hätte ihn kaum an ein schöneres Fleckchen Erde zum Überwintern verschlagen können.

Autorin: Sandra Bernhofer

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zuletzt geändert am 22.09.2026

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