Ruine des Franziskanerklosters El soto bei Villanueva de Campeán.
Ruine des Franziskanerklosters El soto bei Villanueva de Campeán. Foto: Eva Gruber

Vía de la Plata - der andere Jakobsweg

Pilgern boomt! Trotz zahlreicher Kirchenaustritte ist die Zahl der Menschen, die nach Santiago de Compostela pilgern fast so hoch wie vor tausend Jahren.

Warum machen sich so ungeheuer viele Menschen auf den Weg?

Der moderne Pilger wird wohl kaum von der Hoffnung des mittelalterlichen Pilgers getrieben sein, der sich Ablass der Sünden, Wunder am Weg, „das Heil“ erhoffte. Verschiedenen Untersuchungen zufolge sind es die Suche nach einem Kontrapunkt zur völlig säkularisierten Konsumwelt, nach Sinn, Spiritualität. Viele Pilger verbinden ihren Weg mit einer Neuorientierung in einer Phase des Umbruchs, ob es nun eine Trennung, eine Krise oder eine wichtige Entscheidung ist. Hier geht es um Loslassen, Perspektivenwechsel, Krafttanken für Neues.
Andere suchen Gemeinschaftserlebnisse, sind aus sportlichen oder kulturhistorischen Gründen unterwegs. Natürlich sind unter den Pilgern auch traditionelle Katholiken – aber heute machen sich vor allem auch Menschen auf den Weg, „die keine oder nur eine geringe Bindung an die Institution Kirche haben.“ Die Pilgerreise ist kein speziell christliches Phänomen, sondern ein weltumspannendes, das Christen, Moslems, Juden, Mormonen, Shintoisten, Hindus und Sikhs eint: Sie alle pilgern zu ihren heiligen Stätten. Pilgern ist kein Anachronismus, „sondern eine Grunderfahrung menschlicher Existenz. Eine langsam fortschreitende Begegnung mit der Kultur des eigenen Lebens, mit dem Kosmos, mit dem Endgültigen.“

Blick auf Salamancas Catedral Nueva im Abendlicht.
Blick auf Salamancas Catedral Nueva im Abendlicht. Foto: Eva Gruber

Der ruhige Weg nach Spanien - die Vía de la Plata

Statt dem belebten Camino Francés wählen heute viele Pilger die zweite große und immer beliebtere Pilgerroute Spaniens – die Vía de la Plata. Sie vereint große Vorzüge: Auf diesem immer noch ruhigen Weg findet sich Unerlässliches für das Erleben von Entschleunigung, Einkehr und Begegnung in Hülle und Fülle: Raum, Zeit und Stille. Andererseits bietet die Vía de la Plata ein Füllhorn facettenreichster Eindrücke: Sie durchmisst fast ganz Spanien, führt durch oft menschenleere, sehr verschiedenartige Landstriche und beschert besondere Naturerlebnisse. Sie führt von der Palme zum Moos, von der Sonne zum Regen, von ausgedörrter Erde zu sumpfigen Wiesen, von Castellano zu Galego, von maurisch zu keltisch, von inbrünstigem Katholizismus zu mystischem Hexenglauben, von Prozessionen zu Stierkämpfen, vom Gazpacho Andaluz zu deftigen Eintöpfen, vom Flamenco zum Dudelsack. Zugleich ist dieser Weg eine Reise zu den Ursprüngen der europäischen Kultur. Städte wie Sevilla, Mérida, Cáceres, Salamanca, Zamora, Ourense und Santiago gehören zu den faszinierendsten Höhepunkten Spaniens überhaupt.

Rosa Heidekraut überzieht eine Anhöhe nahe Tábara.
Rosa Heidekraut überzieht eine Anhöhe nahe Tábara. Foto: Eva Gruber

1. Etappe: Sevilla bis Guillena

Aufbruch! Ich habe Schmetterlinge im Bauch: den „Zauber des Anfangs“ und meine Angst vor unangenehm verlaufenden Begegnungen, allein, in der Mitte von nirgendwo. Statt mich in ängstlichen Vorstellungen zu verlieren, versuche ich, mich auf das Jetzt und den nächsten Schritt zu konzentrieren. Dann geht es los: von der Kathedrale in Sevilla aus durch das Triana-Viertel mit seinen vielen Azulejo-Shops. Die Wegsuche ist problemlos. Erstmals weist die blaue Kachel mit der gelben Muschel den Weg. Bald ist der Stadtrand erreicht und damit Parkplätze, Hochspannungsleitungen, Müll, ein dichtes Straßennetz und viel Verkehr. Aber auch das Ländliche ist hier überraschend schnell da: Am Ufer des Guadalquivir weiden Pferde hüfthoch in blühenden Margeriten. Hier wären eigentlich Schotterhalden – jetzt sind sie von einem wogenden Blütenteppich überzogen. Dazwischen siedeln Gitanos in zusammengeflickten Baracken. Ein Mann geht allein vor mir, dreht sich immer wieder um, bleibt stehen. Ich nehme lieber die übersichtlichere Straße als den Feldweg.

Nach Camas, einem nicht gerade schmucken Vorort Sevillas, geht es am Straßenrand durch ein Industriegebiet mit Autohäusern und -Reparaturwerkstätten, Tankstellen, Kachelfabriken, einer Flaschenkorkherstellung, einer Halle, von deren Decke unzählige Schinken hängen, und einem Umspannwerk. Zwischen dem dichten Netz mächtiger Stromleitungen segeln Mini-Wölkchen am blauen Himmel. Das Wetter ist prächtig und ich verwende heuer erstmals Sonnenhut und -crème. Ein Radfahrer ruft mehrmals „buen camino, Señora!“ Wenig später wünscht mir eine alte Frau dasselbe und das berührt mich sehr.

Kurz vor Santiponce ist rechts das 1301 gegründete Monasterio de San Isidoro del Campo unübersehbar. Hier übersetzte ein Mönch ab 1550 erstmals die Bibel ins Spanische. Nach Auflösung der Klöster im 19. JH wurde es nacheinander als Erziehungsanstalt, Tabakfabrik und Bierbrauerei genutzt und dann aufwendig renoviert. Kreuzgänge, Refektorium, zwei gotische Kirchen, einige besondere Wandgemälde und vor allem der riesige geschnitzte Altaraufsatz, Retablo, von Juan Martínez Monañés (17. Jh.) wären sehenswert, aber von Oktober bis März ist das Kloster nur an Feiertagen und am Wochenende geöffnet und heute ist Dienstag.

Gleich nach Santiponce kommt Itálica, die erste römische Siedlung in Südspanien. Sie wurde 206 v. Chr. von Publius Cornelius Scipio als Veteranenkolonie gegründet, nachdem es den Römern hier in einer Schlacht gelungen war, die Karthager von der Iberischen Halbinsel zu vertreiben. Absolut sehenswert ist das Amphitheater, das mit 160 Meter Länge und Platz für bis zu 25.000 Menschen das drittgrößte des Römischen Reiches war.

Bald nach Itálica geht es in einen Feldweg, der schnurgerade über baumloses, welliges Gelände führt. Obwohl die Szenerie so übersichtlich und völlig harmlos ist, habe ich Herzklopfen bei jeder Begegnung – mit dem Radfahrer, dem Mopedfahrer, dem Reiter. Die schräge Abendsonne zwischen blaugrauen Wolken lässt die gelbgrüne Weide mit den braunen Rindern aufleuchten. Nach einer Gehstunde stehe ich vor der angekündigten Furt. Jetzt ist sie bestimmt zehn Meter breit und unbestimmt tief. Gefährlich ist die Durchquerung sicher nicht bei der trägen Fließgeschwindigkeit, aber ich weiß sofort, dass ich diese grüngraue Brühe auf keinen Fall durchwaten will, auch wenn mich der Entschluss einen unbestimmt langen Umweg kostet. Ich gehe zurück und nehme einen Feldweg Richtung Autobahn. Meine Hoffnung erfüllt sich: Ich treffe auf die Bundesstraße N 630. Auf der komme ich zum ersten Etappenziel: Guillena. Meine Beklemmung bestimmt den emotionalen Grundton des ersten Wandertages. Der Weg fordert mich. Aber eines ist immer stärker: die Sehnsucht.

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zuletzt geändert am 21.07.2016

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