Bach mit großen Steinen im Wald.
Kiesslinger Bach - Kremelna. Foto: Lucia Pec

Geheimnisvoller Wasserwald

Eine Reise in den Böhmerwald ist eine Reise in die Vergangenheit. Im größten Waldgebiet Mitteleuropas, ist ein Stück Natur erhalten geblieben, wie es nur mehr unsere Urgroßeltern kannten.

Obří Hrad (Riesen Burg). Was für ein Panorama. Zwischen mir und Linz steht endlos weiter Wald. Hügel über Hügel. Tal über Tal. Bis zum Horizont. So etwas habe ich nicht erwartet. Nicht so nahe an der Österreichisch-Tschechischen Grenze. Da und dort durchziehen Nebelbänder das Bild. Die Luft riecht frisch und herrlich mild. Irgendwo rauscht ein Fluss. Genauso wie die Bäume im Wind. Das ist Šumava – die Rauschende.

Jetzt verstehe ich, warum die Tschechen ihren Böhmerwald so nennen. Nicht nur wegen der vielen Bäume, sondern auch wegen dem vielen Wasser, das hier überall aus dem Boden sprudelt. Über 100 Quellen sollen es sein. „Es gibt nichts Vergleichbares in diesem Ausmaß. Nichts was den endlosen Weiten Kanadas näher kommt in Mitteleuropa. Auch wenn das meiste aufgrund der Forstwirtschaft der Vergangenheit noch Fichtenmonokulturen sind“, sagt Lucia Pec. Als selbständige Naturbegleiterin führt die Biologin und Waldführerin Besucher*innen und Schulklassen an die Natur und Aussichtsplätze wie diese heran.

Lucia Pec blickt über einen See in der Abendsonne.
Lucia Pec zeigt Besucher*innen und Schulklassen die Natur und die schönsten Plätze im Nationalpark Šumava. Foto: Lucia Pec

Überlebenskampf

Rund 167.000 Hektar stehen seit 29 Jahren unter dem Schutz der tschechischen Republik. Als Biosphärenreservat, Nationalpark und Landschaftsschutzgebiet in einem. Dieser Schutz ist notwendig geworden, um solch selten gewordene Naturräume zu bewahren und den natürlichen Prozessen der Natur Zeit und Raum zu geben. Einige dieser Naturprozesse sind für uns Menschen oft sehr ungewohnt, so ist im Nationalpark seit 25 Jahren der Fichtenborkenkäfer sehr aktiv und bringt große und kleine Flächen von Fichtenwäldern zum vorübergehenden Absterben. Dort, wo sich der Käfer ungehindert ausbreiten durfte, ragen die Bäume nackt und geschält in die Höhe. Auch in der Nähe der weltberühmten Quelle der warmen Moldau (Teplá Vltava) wandert man kilometerweit durch abgestorbene Wälder.

Doch wer genau hinschaut, sieht wie eine neue Generation von Bäumen heranwächst und in einigen Jahrzehnten den neuen Wald bilden wird. An der großflächigen Ausbreitung des Fichtenborkenkäfers sei nicht zuletzt die jahrzehntelange falsche Waldbewirtschaftung Schuld, erzählt die Naturführerin. Unterhalb von 1100 Metern, wo einst Bergmischwald aus Tanne, Buche und Fichte stand, baute man nach der letzten Rodung vor hundert Jahren nur Fichtensetzlinge an, die aus niederen Regionen stammen und genetisch und als Monokultur nicht an das Klima und den Borkenkäfer angepasst sind. Und doch ist der Fichtenborkenkäfer auch ein natürliches Phänomen, das auch ohne unser menschliches Zutun immer wieder über Jahrtausende dafür sorgte, dass sich der Wald erneuert.

Auf einem umgestürzten Baum wächst Moos.
Derzeit sind fast 28 Prozent der Nationalparkfläche als Kernzonen ausgewiesen und völlig sich selbst überlassen. Foto: Lucia Pec

Zurück in die Zukunft

Heutzutage will man es in den Schutzgebieten richtig machen. Den Wald wieder so herstellen, wie er vor den Rodungen durch den Menschen war und wie ihn selbst Stifter nicht mehr kannte. „Einen Mischwald aus Bergfichten, Tannen, Buchen und Ahorn“, sagt Lucia Pec. In vielen kleinen Schritten sollen in Zukunft 75 Prozent des gesamten Nationalparks, völlig frei von menschlichen Eingriffen sein und jenen Tier- und Pflanzenarten wieder ein Zuhause geben, die der Mensch einst vertrieben oder ausgerottet hat, wie Wölfe, Luchse, Schwarzstörche, Habichtskäuze, Eisvögel, Auerhühner und viele mehr.

Die diplomierte Biologin erzählt auch, dass es seit Bestehen des Nationalparks gelungen ist, fast 28 Prozent der Nationalparkfläche völlig sich selbst zu überlassen, als sogenannte Kernzonen auszuweisen. Der Nationalpark Šumava wird von der IUCN (International Union for Conservation of Nature / Internationale Union zur Bewahrung der Natur) in die Schutzgebietskategorie Zwei eingestuft. Schutzgebiete dieser Kategorie sind zur Sicherung großräumiger ökologischer Prozesse ausgewiesene, großflächige natürliche oder naturnahe Gebiete oder Landschaften samt ihrer typischen Arten- und Ökosystemausstattung. „Und das“ sagt Pec mit ein bisschen Stolz in ihrer Stimme „ist so schon fast das wildeste, was es gibt."

„Ganz wichtig ist auch“, erzählt Pec, „dass unsere Schutzgebiete eine Basis für umwelt- und kulturverträgliche geistig-seelische Erfahrungen und Forschungsmöglichkeiten bieten, sowie Bildungs-, Erholungs- und Besucherangebote machen.

Sumpfdotterblume am Wasser.
Sumpfdotterblume. Foto: Lucia Pec

Mehr als Holz

Doch nicht nur der Wald mit seinen vielen Gesichtern und Geschichten - immerhin bedecken 80 Prozent davon den Nationalpark - zieht einen magisch in den Bann. Nein, es sind vor allem die urtümlichen Wiesen, Blockmeere, Gletscherseen, Schmelzwassertäler und Feuchtgebiete zwischen den Wäldern, die hier nach der letzten Eiszeit vor rund 10.000 Jahren entstanden sind. Jene unzähligen malerischen Kultur- und Auenlandschaften, wie sie Stifter einst beschrieben hat und wie sie manche von uns vielleicht noch von ihren Kindertagen kennen. Hier kann man noch durch saftige, hohe Wiesen spazieren, auf denen Kulturpflanzen überdauerten, die auf unseren Wiesen rar geworden sind, wie Arnika, Färberdisteln, Enzian, Lilien, Hyazinthen und Orchideen.

Zwischen den Blüten tummeln sich Schmetterlinge in allen erdenklichen Farben. Auch die vielfältigen Moore, Berg- und Talsumpfgebiete, Moorseen und Teiche halten Überraschungen bereit, wie Randring-Perlmuttfalter, Wiesenvögelchen und Rundaugenmohrenfalter. Rund 80 Prozent dieser gefährdeten Arten kommen in diesen Wiesen- und Sumpflandschaften vor.

Besonders sehenswert sind das Frauental bei Skelná südwestlich von Hartmanice, das Lusental an der tschechisch-bayrischen Grenze, das Hochmoor Chalupská Slať (Großer Königsfilz), der Teufelssee (Čertovo Jezero) bei Železná Ruda sowie der der Plöckensteinersee (Plešné-Jezero). Hier hat der Böhmerwald diesen unvergesslichen urzeitlichen Charakter. Das rührt wohl auch daher, dass der Untergrund auf dem er steht, der Rest eines uralten erodierten Hochgebirges ist. Wasser und Wind haben die Gebirgskette über Jahrmillionen zu einem seltsamen Rumpfgebirge abgeschliffen.

Deltafeeling

Auch die Auenlandschaft bei Nová Pec (Neuer Ofen) an der kalten Moldau (Studená Vltava) versprüht etwas von diesem Urzeitcharme. Hier mäandert der Fluss noch völlig unreguliert durch das Land. Bei einer Fahrt mit dem Kajak fühle ich mich fast wie im Donaudelta. Graureiher, Flussperlmuscheln und Wasserlianen sind hier zu sehen. “Psst“, flüstert Lucia Pec, „hör mal.” Irgendwo sprudelt ein Rinnsal in den Fluss. Eine leichte Brise kommt auf. Die Weiden beginnen zu rauschen. Da ist es wieder…Šumava.

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Autorin: Sabine Blöchl
 

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zuletzt geändert am 11.06.2019

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