Morgennebel über dem Wasserwald.
Morgennebel über dem Wasserwald. Foto: NP Šumava

Geheimnisvoller Wasserwald

Eine Reise in den Böhmerwald ist eine Reise in die Vergangenheit. Im größten Waldgebiet Mitteleuropas, ist ein Stück Natur erhalten geblieben, wie es nur mehr unsere Urgroßeltern kannten.

Obří Hrad (Alte Burg). Was für ein Panorama. Zwischen mir und Linz steht endlos weiter Wald. Hügel über Hügel. Tal über Tal. Bis zum Horizont. So etwas habe ich nicht erwartet. Nicht so nahe an der Österreichisch-Tschechischen Grenze. Da und dort durchziehen Nebelbänder das Bild. Die Luft riecht frisch und herrlich mild. Irgendwo rauscht ein Fluss. Genauso wie die Bäume im Wind. Das ist Šumava – die Rauschende. Jetzt verstehe ich, warum die Tschechen ihren Böhmerwald so nennen. Nicht nur wegen der vielen Bäume (54.000 Hektar), sondern auch wegen dem vielen Wasser, das hier überall aus dem Boden sprudelt. Über 100 Quellen sollen es sein. „Es gibt nichts Vergleichbares in diesem Ausmaß. Nichts was Kanada näher kommt in Mitteleuropa. Auch wenn das meiste noch Monokulturen sind“, sagt Lucia Pec. Im Auftrag des Nationalparks führt die Biologin als Natur- und Landschaftsführerin Besucher an Aussichtsplätze wie diese heran.

Auch der Luchs ist im Nationalpark wieder zu finden.
Auch der Luchs ist im Nationalpark wieder zu finden. Foto: NP Šumava

Überlebenskampf

Rund 168.000 Hektar stehen seit zwanzig Jahren unter dem Schutz der tschechischen Republik bzw. Nationalparkverwaltung. Als Biosphärenreservat. Das ist Nationalpark und Landschaftsschutzgebiet in einem. Dieser Schutz ist notwendig geworden. Denn seit über zwanzig Jahren fressen sich Fichtenborkenkäfer durch die Bäume. Dort, wo sich der Käfer ungehindert ausbreiten konnte, ragen sie nackt und geschält in die Höhe. Auch in der Nähe der weltberühmten Quelle der warmen Moldau (Teplá Vltava) wandert man kilometerweit durch “grauen Stangenwald“, wie Lucia Pec ihn nennt. Daran sei nicht zuletzt die jahrzehntelange falsche Waldbewirtschaftung Schuld, erzählt die Naturführerin. Unterhalb von eintausendeinhundert Metern baute man nach der letzten Rodung vor einhundert Jahren Fichtensetzlinge an, die aus niederen Regionen stammen und nicht an das Klima und den Borkenkäfer angepasst sind.

Zurück in die Zukunft

Doch dieses Mal will man es richtig machen. Den Wald so herstellen, wie er vor den Rodungen durch den Menschen war und wie ihn selbst Stifter nicht mehr kannte. „Einen Mischwald aus Bergfichten, Tannen, Buchen und Ahorn“, sagt Lucia. Dann sollen auch 75 Prozent, also Dreiviertel des gesamten Schutzgebietes völlig frei von menschlichen Eingriffen sein und sich jene Tier- und Pflanzenarten wieder verbreiten, die der Mensch einst vertrieben oder beinahe ausgerottet hat, wie Bären, Elche, Habichtskäuze, Eisvögel, Blaukehlchen und viele mehr.

Die diplomierte Biologin erzählt auch, dass es in den vergangenen zwanzig Jahren, seit Bestehen des Nationalparks, gelungen ist 19 Prozent der Nationalparkfläche völlig sich selbst zu überlassen. Diese unberührten Gebiete werden vom IUCN, dem weltweiten Verband aller Nationalparke, in Kategorie Zwei eingestuft. „Und das“ sagt Lucia mit ein bisschen Stolz in ihrer Stimme „ist so schon fast das wildeste, was es gibt."

Urtümliche Wiesen mit zauberhaften Pflanzen wie hier der Sonnentau.
Urtümliche Wiesen mit zauberhaften Pflanzen wie hier der Sonnentau. Foto: NP Šumava

Mehr als Holz

Doch nicht nur der Wald mit seinen vielen Gesichtern und Geschichten, immerhin bedecken achtzig 80 Prozent davon den Nationalpark, zieht einen magisch in den Bann. Nein, es sind vor allem die urtümlichen Wiesen, Blockmeere, Gletscherseen, Schmelzwassertäler und Feuchtgebiete zwischen den Wäldern, die hier nach der letzten Eiszeit vor rund 10.000 Jahren entstanden sind. Jene unzähligen malerischen Kultur- und Aulandschaften, wie sie Stifter einst beschrieben hat und wie sie manche von uns vielleicht noch von ihren Kindertagen kennen. Hier kann man noch durch saftige, hohe Wiesen spazieren, auf denen Kulturpflanzen überdauerten, die auf unseren Wiesen rar geworden sind, wie Arnika, Färberdisteln, Enzian, Lilien, Hyazinthen und Orchideen. Zwischen den Blüten tummeln sich Schmetterlinge in allen erdenklichen Farben. Auch die vielfältigen Moore, Berg- und Talsumpfgebiete, Sumpfseen und Teiche halten Überraschungen bereit, wie Randring-Perlmuttfalter, Wiesenvögelchen und Rundaugenmohrenfalter. Rund 80 Prozent dieser gefährdeten Arten kommen in diesen Wiesen- und Sumpflandschaften vor.

Besonders sehenswert sind das Frauental bei Skelná südwestlich von Hartmanice, das Lusental an der tschechisch-bayrischen Grenze, das Hochmoor Chalupská Slať (Großer Königsfilz), der Teufelssee (Čertovo Jezero) bei Eisenreichstein sowie der der Plöckensteinersee (Plešné-Jezero). Hier hat der Böhmerwald diesen unvergesslichen urzeitlichen Charakter. Das rührt wohl auch daher, dass der Untergrund auf dem er steht, der Rest eines uralten erodierten Hochgebirges ist. Wasser und Wind haben die Gebirgskette über Jahrmillionen zu einem seltsamen Rumpfgebirge abgeschliffen.

Deltafeeling

Auch die Aulandschaft bei Nová Pec (Alte Burg) an der kalten Moldau (Studená Vltava) versprüht etwas von diesem Urzeitcharme. Hier mäandert der Fluss noch völlig unreguliert durch das Land. Bei einer Fahrt mit dem Kajak fühle ich mich fast wie im Donaudelta. Graureiher, Flussperlmuscheln und Wasserlianen sind hier zu sehen. “Bsst,” flüstert mein Wegbegleiter. “Hör mal.” Irgendwo sprudelt ein Rinnsal in den Fluss. Eine leichte Brise kommt auf. Die Weiden beginnen zu rauschen. Da ist es wieder…Šumava. Hierher kehren wir bestimmt noch einmal zurück!

Autorin: Sabine Blöchl
 

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zuletzt geändert am 09.06.2016

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