Buchenwald im Nationalpark Kalkalpen.
Buchenwald im Nationalpark Kalkalpen. Foto: Franz Sieghartsleitner

Ein Streifzug durch die letzten Urwälder Österreichs

Mit den Buchenwäldern im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal und im Nationalpark Kalkalpen hat Österreich sein erstes UNESCO Weltnaturerbe.

„Unsere mitteleuropäischen Buchenwälder zählen weltweit zu den am stärksten bedrohten Wald-Ökosystemen. Sehr alte, naturnahe Buchenwälder sind heute selten. Man findet sie fast nur auf Standorten, die schwierig zu bewirtschaften sind“, weiß Franz Sieghartsleitner vom Nationalpark Kalkalpen. „Nach der Eiszeit war ein großer Teil Europas von Buchen bewachsen. Für die Besiedelung und landwirtschaftlich nutzbare Böden wurden aber große Flächen gerodet.“

Mittlerweile ist der Schutz der Buchenwälder auch ein Thema für die UNESCO. Sie hat schon 2007 zehn Buchen- Urwälder in der Ukraine und der Slowakei in die Weltnaturerbe-Liste aufgenommen, 2011 folgten fünf Buchenwälder in Deutschland und 2016 kamen neben mehreren Gebieten verstreut über ganz Europa auch das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal (NÖ) und ein Teil des Nationalparks Kalkalpen (OÖ) dazu.

Gemeinsam bringen die Buchenwälder in Niederösterreich und Oberösterreich 7.120 Hektar in das Welterbe ein. Sie kommen in verschiedenen Gesellschaften vor. Da sind etwa Buchen-Fichten-Tannen-Wälder oder die subalpinen Buchenwälder mit Ahorn. In manchen Gegenden bilden die Buchen eine blühende Gesellschaft mit Zyklamen, Waldmeister oder Schneerosen, wobei der Schneerosen-Buchenwald nur in den nordöstlichen Kalkalpen zu finden ist.

„Buchen sind seit 6.500 Jahren ein Bestandteil unserer Vegetation und wichtigster Träger einer hohen biologischen Vielfalt“, erklärt Sieghartsleitner. Mehr als 10.000 Arten findet man in Buchenmischwäldern auf engstem Raum. Viele davon sind gefährdet. Sie brauchen einen großen Totholzanteil und verlieren in aufgeräumten Wäldern ihre Lebensgrundlage. So benötigt etwa der Weißrückenspecht zur Nahrungssuche stehendes und liegendes Totholz mit großem Durchmesser, das er nur in sehr naturnahen Buchenwäldern findet. Sein Klopfen wird selten. „Im Nationalpark kommt der Weißrückenspecht mit 110 bis 130 Brutpaaren vor. Das ist etwa ein Zehntel der österreichischen Population“, freut sich Sieghartsleitner.

Umgestürtze Bäume.
Rothwald Totholz im Wildnisgebiet Dürrenstein. Foto: Werner Gamerith

LETZTE URWALDRESTE IN DEN ALPEN

Das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal beherbergt echte Urwälder, die noch nie eine Axt gesehen haben, und ist damit ein wichtiges Refugium für gefährdete Arten. „88 Prozent sind Naturzone ohne menschlichen Eingriff“, berichtet Nina Schönemann von der Schutzgebietsverwaltung. Dort wird nach dem Motto „Wildnis bewahren und sekundäre Wildnis wieder entstehen lassen“ gearbeitet.

Herzstück sind 400 Hektar Urwald, die Albert von Rothschild schon 1875 unter seinen Schutz stellte. Einzigartig ist hier das hohe Alter der Bäume, die zwischen 400 bis 1.000 Jahre alt sind. Es sind die letzten großen Urwaldreste des Alpenbogens mit etwa gleichen Anteilen an Rotbuche, Tanne und Fichte.

Auf Wanderwegen etwa auf den Dürrensteingipfel können die Gäste die Naturidylle erkunden. „Es gilt jedoch ein strenges Wegegebot“, betont Schönemann. Eine Besonderheit bietet der Eulenweg. Auf einer 3,4 Kilometer langen, familien- und kinderwagenfreundlichen Wanderung bekommt man mittels Tablet und GPS-Signal auch noch jede Menge zusätzliche Infos über das Wildnisgebiet und ihre Fauna und Flora. Die Tablets kann man sich um 5 Euro es bei den Tourismusbüros in Göstling-Hochkar und Lunz Am See sowie beim Landhotel Restaurant Zellerhof ausleihen.

MIT DER RANGERIN IN DIE WILDNIS

Das Wildnisgebiet selbst ist streng geschützt und die Besucherzahl reglementiert. Nur bei den 25 Führungen pro Jahr gelangt man ganz tief hinein. Besonders im Urwald wird in die natürlichen Prozesse nicht eingegriffen. „Es schaut wild aus, sogar der Bachlauf verändert sich dynamisch, weil immer wieder Baumstämme hineinfallen“, sagt Schönemann. Sie zeigt den Besuchern als Rangerin die Besonderheiten dieses Ökosystems. Bäume, die durch Lawinen oder Stürme umknicken, bleiben liegen und bieten als Totholz Lebensraum für seltene Tiere, Pflanzen und Pilze. Spuren von Insekten im Holz, etwa dem Bockkäfer, die prächtigen Blüten des Frauenschuhs, einer wildwachsenden Orchidee, und der Zunderschwamm sind dort nur einige der Highlights. Der Zunderschwamm ist außer im Gebiet Dürrenstein weltweit nur an acht weiteren Stellen gefunden worden. „Es sind Arten, die in Ökosystemen fehlen, sobald sie bewirtschaftet werden“, weiß Schönemann.

Logotafel mit Inschrift
Foto: Theo Kust

Haus der Wildnis

Mit dem Besucherzentrum in Lunz am See, das im Mai 2021 eröffnet wurde, wird das Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal erlebbar, ohne dass man dafür den Urwald betreten muss – was ja aufgrund des Schutzstatus nicht möglich ist. Die Ausstellung ist Urwald, Wildnis und Wasser der gesamten Region gewidmet und eine Mischung aus modernen Medien, Virtual Reality, interaktiven Stationen und Stationen zum Vertiefen. So machen ein großes Geländemodell in Kombination mit Filmen das Wildnisgebiet erlebbar. Ein Emotionsraum zeigt die vier Jahreszeiten im Urwald. Zwei Aquarien demonstrieren die Auswirkungen des Klimawandels auf dem Lunzer See. Außerdem wird auch ein Bohrkern aus dem Lunzer See zur Schau gestellt und vieles mehr

Kinder sitzen in einem Vortragsraum - vot Ihnen eine runde raumfüllende Leinwand mit einem Bild aus dem Urwald.
Im Haus der Wildnis wird der Urwald virtuell erlebbar. Foto: Theo Kust

Autorin: Nadja Straubinger

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zuletzt geändert am 29.08.2021

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