Blick ins Land der tausend Hügel
Blick ins Land der tausend Hügel. Foto: R. Reisinger

Ruanda: Im Land der tausend Hügel

Alle haben uns vor einer Reise nach Ruanda gewarnt, es sei doch viel zu gefährlich dort. Entdeckt haben wir ein wunderbares Land im Herzen Afrikas, voll von Schönheiten der Natur aber auch von Gegensätzen, wie sie größer nicht sein könnten.

Es ist bereits dunkel als wir am Flughafen der Hauptstadt Kigali ankommen, der von außen eher den Charakter eines netten Hotels als eines internationalen Airports hat. Darin sitzen jede Menge officer, als ob sie schon auf uns gewartet hätten. Ein visa-officer, zwei entrance-officer, ein security-officer, ein disabled person-officer, mehrere police-officer, ein gate-keeping-officer, ein back-office-officer. Alles sehr korrekt und genau.

Judith und Herbert, unsere ruandischen Freunde, erwarten uns bereits. Judith haben wir vor 30 Jahren kennengelernt, damals als Waisenkind. Herbert, ihren Mann, und ihre beiden Söhne Casey (17) und Troy (8) treffen wir zum ersten Mal. In ihrem Haus erwartet uns ein üppiges Abendessen mit Hühnchen, Reis, Süßkartoffel, Spinat und Kochbananen, das die beiden „Maids“ für uns und die Familie vorbereitet haben.

Blick auf die Hauptstadt Kigali.
Kigali, die Hauptstadz von Ruanda. Foto: C. Brandstätter
Ruanda liegt in Zentralafrika. Auf einem Drittel der Fläche Österreichs leben 12 Millionen Menschen. Die Hauptstadt Kigali gleicht einer riesigen Streusiedlung, die sich über viele kleine Hügel ausbreitet. 1960 lebten rund 5.000 Menschen in der Stadt, heute ist es mehr als eine Million. Dabei treffen wir auf keine ausgewiesenen Slumviertel. Natürlich gibt es ärmere Viertel, doch auf den Hügeln der Stadt herrscht rege Bautätigkeit und die Substanz der Häuser wird laufend verbessert, ja es gibt sogar eine Art sozialen Wohnbau, um die Wohnsituation armer Menschen zu verbessern.

Es herrscht ein unglaubliches Gewirr von Menschen, als ob alle gleichzeitig unterwegs wären. Viele winzige Geschäfte bieten alles, was man brauchen kann. Alle packen an, wenn es gilt einen Lieferwagen am Markt zu entladen oder beim Heimtransport der Einkäufe zu helfen. Jede Möglichkeit wird genutzt, etwas Geld zu verdienen. Am Auffälligsten dabei sind die tausenden Motorradtaxis, die sich auf den Straßen zwischen den im Stau stehenden Autos durchschlängeln. Mit ihren blauen Umhängen sind sie Werbeträger für einen lokalen Mobilfunkanbieter. Alle sind mit einer Zulassungsnummer registriert, tragen einen Sturzhelm und führen einen zweiten für ihre Kunden mit, die am Sozius Platz nehmen. Es gilt Helmpflicht.

Wir sind überrascht wie sauber und gepflegt es ist. Plastiksackerl sind verboten und es liegt auch sonst kein Müll herum. Die Straßenränder sind wie Vorgärten angelegt. Jeden letzten Samstag im Monat ist „Umuganda Day“ an dem alle BewohnerInnen des Landes zur Gemeinschaftsarbeit aufgerufen sind. Judith erzählt, dass sich an diesem Tag die Nachbarn treffen. Am Vormittag werden meist die Vorgärten bearbeitet, Bäume und Sträucher gepflanzt oder kleinere Reparaturen an den Zufahrtsstraßen vorgenommen. Am Nachmittag wird diskutiert, über die Schule, über Fragen zur Gesundheit oder über die Sicherheit in der Siedlung. Mit diesem Tag soll das Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden und die Menschen sollen Verantwortung für die Entwicklung ihres Landes übernehmen. Versöhnung ist das Kernthema eines Landes

Viele kleine Felder und Häuser aus Lehm.
Das Land ist geprägt von sehr kleinstrukturierter Landwirtschaft. Foto: C. Brandstätter

Der Garten Eden

Fährt man raus aus der Stadt öffnen sich atemberaubende Ausblicke über das „Land der 1000 Hügel“. An die steilen Hänge schmiegen sich zahllose Gärten. Obst, Gemüse, Kaffee und Getreide wachsen im Überfluss und mangels chemischer Hilfsmittel in bester Bio-Qualität. 90% der Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, vorwiegend in Familienbetrieben, die eine Fläche von weniger als einem Hektar bewirtschaften. Ein großer Teil der Ernte wird im Land weiterverarbeitet oder dient der Selbstversorgung. Das ist auch politisch gewollt: „Jeder Haushalt soll seinen Gemüsegarten haben, auch in der Hauptstadt Kigali“ ist das Credo von Präsident Paul Kagame.

Die kleinstrukturierte Landwirtschaft muss im nahezu unwegsamen Gelände ganz ohne Hilfe von Maschinen auskommen. Aber nicht nur dort. Direkt neben der Straße kommen wir an einem flachen Feld vorbei, das von 10 ArbeiterInnen mit einfachen Hauen von Unkraut befreit wird. Eine harte Arbeit. Wir denken unwillkürlich – da müsste jetzt ein Traktor her. Und werden eines Besseren belehrt: „Entweder arbeitet die Maschine oder der Mensch. Hier erhalten 10 Menschen Lohn für eine Woche Arbeit“ erklärt uns Judith.

Sie kauft dann auch gleich ordentlich ein, denn hier am Land kosten die Lebensmittel nur etwa halb so viel wie in der Stadt. Wir steuern mehrere Straßenmärkte an und kaufen „mixed bags“ – das sind große Säcke, die mit dem gewünschten Obst und Gemüse gefüllt werden. Maniok, Süßkartoffeln, Zwiebel, Paprika, Karfiol, Karotten, Tomaten, Bananen, Ananas, Mangos,… gute 200 Kilo stapeln sich im Kofferraum und es beginnt wunderbar zu duften. Über unsere fragenden Blicke lacht Judith: „Das reicht für unsere Familie vielleicht eine Woche“. Schließlich wollen davon auch die Hausgehilfen und deren Familien satt werden. Die beiden „Maids“ erhalten übrigens neben freier Kost und Quartier 30 Euro im Monat. Laut Judith ist dies ein überdurchschnittlicher hoher Lohn.

Markt entlang der Straße.
Bei der Fahrt über's Land kommen wir immer wieder bei Märkten vorbei. Foto: R. Reisinger

Ein Silberrücken der entzückt

Touristisch prägen die Berggorillas das Bild des Landes. Kein Reiseführer kommt ohne die Abbildung eines mächtigen Silberrückens auf der Titelseite aus. Im Norden hinter der Stadt Musenze am Eingang des Volcanoes National türmen sich die Virunga Vulkankegel vor uns auf, allesamt zwischen 3.500 und 4.500 Meter hoch. Auch wenn wir damit laut Reiseprospekt die „unvergesslichste Erfahrung unseres ganzen Lebens“ ausschlagen ersparen wir den Gorillas unseren Anblick. Ein Besuch macht nur dann Sinn, wenn man mehrere Tage im Nationalpark verbringt, sich gut akklimatisiert und schon vorher Kondition für die mehrstündigen Bergwanderungen tankt. Zudem ist die Besucherzahl pro Gorillagruppe mit 8 Personen und die Zeit auf eine Stunde pro Tag beschränkt, um sie nicht all zu sehr zu stören – was anhand der großen Nachfrage ohnedies fraglich scheint. Der Nachfrage angepasst ist auch der Preis. Für drei Tage im Nationalpark inkl. geführtem Gorillabesuch und einer Wanderung zum Grabmahl der legendären Gorillaforscherin Dian Fossey an den Hängen des Vulkans Visoke sind rund 1.000 Dollar pro Person zu veranschlagen.

Die lokale Bevölkerung hatte lange Zeit nichts vom Geld der Touristen, sondern nur Probleme mit den Gorillas, die ihre Felder zerstörten. Für den Tourismus ist ein friedliches Miteinander jedoch unabdingbar, also suchte man nach Möglichkeiten, die Menschen in die Ausflugsprogramme einzubinden. Wir besuchen ein Museumsdorf mit originalgetreuer Nachbildung des alten Königspalastes, das von den ansässigen Bauern mit Führungen, Vorführungen traditioneller Lebensweisen, Tanzeinlagen und Trommelmusik bespielt wird.

Fischerboote vor dem Strandbad am Kivu-See.
Fischerboote vor dem Strandbad am Kivu-See. Foto: C. Brandstätter
Nach einer weiteren halben Stunde Autofahrt erreichen wir den mondänen Badeort Gisenyi am Nordende des Kivusees. Palmen, riesige Kapok-Bäume und prächtige Villen säumen die Uferpromenade. Im Serena Hotel spielt Live-Musik zum köstlichen Abendbuffet. Einen Steinwurf entfernt liegt die Grenzstation zur Demokratischen Republik Kongo. Jenseits des Grenzbalkens heißt die Stadt Goma, die wir aus den Medien nur in Verbindung mit Flüchtlingslagern und als Haupteinsatzgebiet von UNO und Ärzte ohne Grenzen kennen. Die Idylle diesseits der Grenze wirkt irgendwie unwirklich.

Sehr nahe an der Natur

Hängebrücke im Urwald.
Auf Augenhöhe mit den Urwaldriesen. Foto: R. Reisinger
Die letzte Station unserer Reise in das grüne Herz Afrikas führt uns in den Nyungwe National Forest, das letzte zusammenhängende Urwaldgebiet im Süden des Landes. Mit Thierry Hitimana, einen Nationalpark-Ranger, dringen wir dann etwas tiefer in den Wald vor. 140 verschiedene Orchideenarten gibt es hier, 275 Vogelarten, 13 Primaten und Thierry scheint sie alle zu kennen, wenn er die unterschiedliche gesundheitliche Wirkung von Pflanzen beschreibt und jeden Laut einem Tier zuordnen kann. Ohne ihn hätten wir vieles gar nicht wahrgenommen, vor allem nicht die grüne (giftige) Viper, die sich vor uns über den Weg schlängelte, während wir die Affen in den Baumkronen beobachteten. Unser Lieblingswort nach diesem Abenteuer: Igishigishigi - das ist der ruandische Begriff für die fünf Meter hohen Riesenfarne, unter denen man sich in die Zeit der Dinosaurier zurückversetzt fühlt.

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zuletzt geändert am 14.01.2019

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