Altaussee
Was 007, Barbara Frischmuth und Alfred Komarek gemeinsam haben: Altaussee gilt seit dem 19. Jahrhundert als Rückzugsort für Literaten und Künstler. Bis heute prägen See, Berge und ein lebendiges Kulturgedächtnis den Ort. Wer abseits der Saison kommt, erlebt eine Region, die Ruhe, Geschichte und Inspiration verbindet.
Langsam erhebt sich am Morgen der Nebel – zuerst erscheint der dunkle See, dann die Berge, die ihn umrahmen. An windstillen Tagen spiegeln sie sich glasklar in der Wasseroberfläche, als würde die Landschaft doppelt existieren. Dieses Schauspiel und die Stille des Sees haben etwas Anziehendes. Sie haben über Generationen Menschen dazu bewegt, hierherzukommen und in dieser besonderen Atmosphäre zur Ruhe zu finden. Für Schriftstellerinnen, Künstler und Denker ist Altaussee seit über 150 Jahren ein Rückzugsort, ein Resonanzraum und ein Platz, an dem Gedanken leichter fließen. Viele empfinden den Ort bis heute als Einladung zum Schreiben und zum Nachdenken.
Ein Tal als literarische Heimat
Die literarische Geschichte des Ortes begann im 19. Jahrhundert – rund um die Familien Binzer und Zedlitz trafen sich Gäste aus der Stadt in Villen, bei Seeausflügen und bei gemeinsamen Lesungen – ein Art Salon im Freien, in dem Literatur, Musik und Gespräche selbstverständlich waren.
Altaussee und das gesamte Ausseerland gelten seither als eine der Wiegen der Sommerfrische. Künstler, Adelige, Literaten und Intellektuelle verbrachten hier ihre Sommermonate und ließen sich von der Landschaft zu neuen Werken inspirieren. Die Verbindung aus Ruhe, Natur und Austausch zog besonders jene an, die Zeit zum Denken und Schreiben suchten. Hugo von Hofmannsthal, Jakob Wassermann und später Friedrich Torberg fanden hier einen Ort, der sie nicht nur erholte, sondern auch künstlerisch beflügelte.
Kultur, die im Alltag weiterlebt
Eine gute Möglichkeit, der literarischen Geschichte des Ortes näherzukommen, bietet die „LiteraTour“, ein literarischer Spaziergang durch das Dorf. Die Route führt zu Plätzen, an denen Texte entstanden sind oder die Künstler inspirierten.
Aber auch jenseits der klassischen Literatur hat Altaussee viele Künstler geprägt – Klaus Maria Brandauer wuchs zum Beispiel teils in Altaussee auf und bezeichnet den Ort bis heute als seine Heimat.
Was Altaussee mit Literatur, Kunst und prominenten Gästen verbindet, ist aber kein bloßes Klischee. „Die Leute sind hier stolz auf die alten Literaten, das ist schon etwas Besonderes. Wenn man weiß, welche Größen der Literatur und der Gesellschaft hier lebten oder hier Sommerfrische machten, dann bedeutet das etwas“, sagt Monika aus dem nahen Grundlsee, die in Altaussee als Hausmeisterin arbeitet.
Auch sie kennt die lokale Geschichte genau, weiß, in welchem Hotel Kaiserin Sisi einst abgestiegen ist und in welchem Café dieser oder jener Künstler seinen Kaffee trank.
Während sie den Papiercontainer nach draußen schiebt, erzählt sie mit leuchtenden Augen von den Schriftsteller*innen der Region und davon, welches Buch von Barbara Frischmuth sie gerade liest. Die Autorin und gebürtige Altausseerin prägte den Ort literarisch und gesellschaftlich. Ihr Tod im Frühjahr 2025 hat eine Lücke hinterlassen, doch ihr Werk und ihre Präsenz sind weiterhin spürbar – so spürbar wie die Verbindung der Menschen mit der Literatur in Momenten wie diesem.
Zwischen Hochkultur und leichter Muse
Vielleicht ist es die Mischung aus Ruhe, Landschaft und Atmosphäre, die auch Film- und Fernsehteams hierherzieht. Ein besonderes Kapitel bilden die Krimis, die bewusst mit dem Charme des Salzkammerguts spielen – sie nutzen die Kombination aus Postkartenidylle, abgeschiedenen Almen und tiefen Seen, um pointierte Geschichten zu erzählen. Autor*innen wie Alfred Komarek, der seinen Polizisten Simon Polt durch das Ausseerland ermitteln lässt, haben der Region ein eigenes kriminalistisches Flair verliehen. Auch TV-Produktionen greifen diese Stimmung auf. Die Landschaft eignet sich daher nicht nur für ernste Literatur, sondern auch für erzählerische Formen, die mit Atmosphäre, Spannung und regionalem Kolorit arbeiten.
Filmreif: Altaussee als Kulisse
Dass die Gegend fast unwirklich schön ist, blieb auch internationalen Filmproduktionen nicht verborgen. Im James-Bond-Film Spectre kann man daher Blicke auf das Ausseerland erhaschen. Die dramatische Felswand des Losers und das dunkle Wasser des Sees gaben der Geschichte jene Mischung aus Eleganz und Bedrohung, die man aus Bond-Filmen kennt. Wer den Drehorten nachspüren möchte, kann den Wanderweg zur Seewiese nehmen und die unveränderte Landschaft erleben; sie ist ein Naturraum, der ohne künstliche Inszenierung auskommt.
Zwischen Stille und Ausnahmezustand
Altaussee ist Luftkurort. Für Autofahrer heißt das: Bitte langsam fahren. In weiten Teilen des Ortsgebiets gilt Tempo 30. Meist ist es hier im 1.900-Einwohner-Ort ruhig, fast meditativ, besonders im Herbst und Winter. Des Nachts hört man dann keinen Mucks. Doch es gibt Momente, in denen die Stille einem echten Besucherandrang weicht. Der jährliche Altausseer Kirtag ist der Höhepunkt des Ansturms. Was als traditionelles Fest beginnt, entwickelt sich jedes Jahr zu einer lebhaften, lauten, ungewohnt ausgelassenen Feier. Und auch wenn Altaussee nicht von einem so massiven Besucherandrang betroffen ist wie das nahe Hallstatt, beobachten manche Bewohner*innen den zunehmenden Tagestourismus mit Besorgnis.
Stille Zeiten am See
Wer Altaussee wirklich erleben möchte, sollte daher außerhalb der Saison und nicht zu Feiertagen kommen. Besonders eindrucksvoll ist der Rundweg um den Altausseer See, ein schmaler Pfad, der sich entlang steiler Hänge und durch einen kleinen Wald schlängelt. Je weiter man ans hintere Ende des Sees gelangt, desto leiser wird es. Das Rauschen des Wassers löst das Stimmengewirr der Wandernden ab und oft begegnet man über lange Strecken niemandem.
Vor allem an Tagen, an denen das Wetter unbeständig ist, gehört der See den wenigen, die sich trotzdem auf den Weg machen. Dann liegt er, eingerahmt von Bergen, ganz still da. Ein geschützter Raum, den man für eine Stunde oder zwei ganz für sich hat. In solchen Momenten wird spürbar, warum dieser Ort so viele Künstler*innen, Suchende und Ruhesuchende anzieht. Die Landschaft schafft Staunen und bei manchen auch eine innere Berührtheit, die man im Alltag oft vergeblich sucht. Zugleich gilt eine alte Zen-Weisheit, die sagt, man finde auf dem Gipfel eines Berges nur so viel Frieden, wie man mitgebracht hat. Auch in Altaussee wirkt die Landschaft nicht von selbst. Sie öffnet aber eine Tür, durch die man bereit sein muss zu gehen.
Thomas Hartl
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zuletzt geändert am 20.02.2026
